• 10. June 2009
  • Ausgabe 24/2009
  • von Dana Schmidt

Der Busen – das tägliche Wunder

Als ein Polizei-Kollege sie zickig nannte, dankte sie ihm und ging beschwingt durch den Tag. Häufig sind es diese kleinen Begebenheiten – der Weißwein, der Griff nach dem Prospekt des Schuhhauses – die ihr bewusst machen, dass sie kein Mann mehr ist. Vor dreieinhalb Jahren wurde aus Sven Georg Bernd Kühnke Svenja Kühnke.

Den Stiel des Glases hält sie zwischen zwei Fingern, führt den Kelch langsam zum Mund und trinkt den Wein in kleinen Schlucken. Als der Fuß des Glases den Tisch fast unhörbar berührt lacht sie laut. „Es reicht nicht, als Mann einen Rock anzuziehen und fertig ist die Frau“, sagt die Kieler Mann-zu-Frau-Transsexuelle.

43 Jahre lang hat sie als Mann gelebt. Mit Ehefrau, fünf Kindern, Hund, dem Familienauto, Ferien in Dänemark, Motorradtouren mit Freunden, Elternabenden. „Die Ehe ist zerbrochen, wie Ehen nach elf Jahren eben zerbrechen“, sagt sie rückblickend und wischt mit der Hand eine Strähne ihrer dunklen langen Haare aus dem Gesicht.

Kurz nach der Trennung begann sie ihr neues Leben. Aus Sven wurde Schritt für Schritt Svenja, aus dem Beamten Sven Kühnke die Beamtin Svenja Kühnke – ganz offiziell. „Ich hab mich von Sven verabschiedet und rüber gemacht“, beschreibt die Kriminalhauptkommissarin den Prozess, der vor vier Jahren begann. Den Drang, sich weiblich zu kleiden, verspürte sie früher. Aus dem Spiel, sich ab und an einen Rock anzuziehen und heimlich eine Runde ums Haus zu gehen, wurde ernst. Ein bisschen Transgender gibt es nicht.

Im Dezember 2005 ging sie zum ersten Mal im Rock zum Dienst. Zwei Monate zuvor hatte sie sich bei der allmorgendlichen Besprechung geoutet. „Ich habe alle Fehler gemacht, die man machen kann“, sagt sie und beschreibt sich an ihrem ersten Tag im Rock in der Dienststelle: „Ich hatte den Kollegen versprochen, alles in kleinen Schritten anzugehen, so dass sie sich langsam an ihre neue Kollegin gewöhnen konnten – doch ich konnte nicht mehr an mich halten: Ich kam im schokoladenbraunen Jeans-Mini“, erinnert sie sich. „So würde ich heute gerade mal in die Disco gehen. Einen eigenen Stil zu finden, nachdem man 43 Jahre nur Jeans und T-Shirt trug, war nicht leicht.“

Die Kollegen gewöhnten sich. Die Arbeit fiel ihr leichter: „Mein Denken kreiste nicht mehr dauernd darum, dass ich viel lieber als Frau leben würde – denn das tat ich nun ja.“Zu Beginn der Entwicklung ging es um Schuhe, Make-Up und Klamotten. „Ich bin als Mann zu H&M gestiefelt, habe mir eine nette Verkäuferin geschnappt und gesagt: Ich brauche einen Jeansrock – als ich den Laden verließ trug ich meine Hose in der Plastiktüte“, erinnert sie sich an ihren ersten Einkauf.

Später ging es um Hormone – vom Mann in Frauenkleidern wurde sie zur Frau – die Namensänderung und das Sorgerecht für die Kinder. Das Sorgerecht ging verloren, das Faible für Jeansröcke blieb.

Wo früher das Bild eines Geländewagens hing, hängt heute ein Poster von Audrey Hepburn in ihrer Rolle als Holy Golightly in „Frühstück bei Tiffany“. Anstelle der Autozeitschrift liest die 1,80 Meter große Kielerin nun „Brigitte“ und „Glamour“. Am Ende eines der seltenen Telefonate mit ihren Kindern bricht sie in Tränen aus. „So emotional war ich als Mann nicht, das kann man als Mann auch gar nicht sein“, sagt sie. Doch ein noch größeres Wunder ist der Busen: „Für die Hälfte aller Menschen ist es ja nichts besonderes, Brüste zu haben, aber für mich ist es jeden Morgen aufs Neue ein Wunder.“ Der Stolz lässt ihre Stimme ein wenig höher klingen.

Will sie feminin sein, muss sie sich mehr Mühe geben als eine Bio-Frau. Bio-Frauen sind Frauen, die als Frauen auf die Welt kommen, erklärt die Braunäugige. In ihrer Alltagsuniform aus Jeansrock, Leggings, Ballerinas und einem schlichten Oberteil sieht sie aus wie eine Durchschnittsfrau. Doch: „Wenn ich ungeschminkt bin, sieht man mir den Mann noch immer an. Eine Bio-Frau wacht als Frau auf.“ Aussehen ist ein wichtiges Thema in den Gesprächen von Frau zu Frau, die Svenja Kühnke gern führt. „Als Frau ist man verpflichtet, etwas aus sich zu machen, eine Frau sollte ihre Weiblichkeit leben“, sagt sie und versucht, als gutes Beispiel voran zu gehen.

Einer ihrer Vorgesetzten kann sie trotzdem nicht als Frau sehen: „Eine wirkliche Frau ist nur, wer sich selbst Schnittblumen kauft“, sagte er. „Das habe ich noch nicht gemacht“, sagt sie.