• 1. März 2004
  • Ausgabe 15/2005
  • von Christian Twardowski u. a.

Klöster in Nordelbien – Folge 2:
Der Exodus nach Cismar

Cismar – Den sündhaften Benediktinermönchen fiel es 1245 ein wenig schwer, ihr Heimatkloster in Lübeck zu verlassen und sich unter das Schutzpatronat des Johannes in Cismar zu begeben. Zu sehr hatten sie sich an die Nähe der Zisterziensernonnen gewöhnt.

KLOSTER2.JPGAber der Landesherr Graf Adolf IV. blieb unterbittlich. Er ordnete die Trennung des Lübecker Johannisklosters an und versetzte die Mönche an die Ostseeküste bei Grömitz.
Der Widerstand der Mönche hielt knapp 30 Jahre an und gipfelte in einem Gesuch an Papst Innozenz IV. Hierin baten sie ihn, die Anweisung Adolfs abzuheben – vergeblich. Denn der Heilige Vater unterstützte die Entscheidung Graf Adolfs IV.

In den nächsten Jahrhunderten gewann das Benediktinerkloster durch die eigens in den Katakomben des Klosters geweihte Quelle sowie seine zahlreichen Reliquien an religiöser Bedeutung. Die kostbare Heilig-Blut-Reliquie, ein Geschenk Heinrichs des Löwen an den Lübecker Bischof, zog zahlreiche Pilger nach Cismar und machte es so zu einem beliebten Wallfahrtsort. Die Pilgerschaft verhalf dem Kloster zu großem Reichtum, wovon bis heute die gotische Klosterkirche zeugt. Um den großen Reliquienschatz angemessen zur Schau stellen zu können, wurde im Chor um 1310 ein Flügelaltar errichtet. Zahlreiche Bildmotive aus der Passion Christi verleihen seiner Vorderfront ein prunkvolles Aussehen. Dieses Produkt höchster lübscher Handwerkskunst gehört bis auf den heutigen Tag zu den ältesten handgeschnitzten Flügelaltären der deutschen Kunstgeschichte.

Cismar büßte jedoch in der Mitte des 15. Jahrhunderts an Attraktivität ein. Der Grund: Der Lübecker Bischof Krummendiek zweifelte – möglicherweise aus Neid – an der Echtheit der bedeutendensten Reliquie des Klosterschatzes zweifelte und ließ diese für ungültig erklären.

Aber auch ohne die Heilig-Blut-Reliquie war die wirtschaftliche Existenz durch Einkünfte aus Ackerbau, Viehzucht und Fischereiwesen vorerst gesichert. Jene Erzeugnisse konnten auf dem Lübecker Markt abgesetzt werden, so dass auf Grund dieser guten Handelsbeziehungen der Kontakt zur früheren Heimatstadt bestehen blieb. Der Streubesitz des Klosters erstreckte sich über Lauenburg bis nach Mecklenburg, aus welchem ihm lehnsherrliche Abgaben zuflossen. So gehörten im 14. Jahrhundert 23 Dörfer – unter ihnen das heutige Grömitz - dem Klosterbesitz an.

Doch die goldenen Zeiten waren um 1350 vorbei, als die europaweiten Pestzüge die holsteinische Ostseeküste erreichten und sehr hohe Opfer unter der ansässigen Landbevölkerung forderten. Der Schwarze Tod, eine schwindende Pilgerschaft und kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem dänischen König und den holsteinischen Landständen verursachten den wirtschaftlichen Niedergang des Klosters. Diese anhaltende Krise zwang die Mönche 1435 zu einem Hilfegesuch an Papst Eugen IV. Trotz seiner Ablassbewilligungen und landesweiter Kollekten konnte der innere und äußere Verfall des Benediktinerklosters nicht aufgehalten werden. Die einsetzende Reformation im 16. Jahrhundert zerbrach dann nicht nur die Einheit der europäischen Christen, sondern beendete ebenso die 300-jährige Geschichte des Klosters Cismar. Nachdem die Herzogtümer Schleswig und Holstein evangelisch geworden waren, wurde der Konvent 1561 aufgelöst und mit ihm der verbliebene Klosterschatz. So befinden sich heute große Teile der wertvollen Klosterbibliothek in der Staatsbibliothek Kopenhagen.

Ungeachtet des früheren kulturellen Verlustes und einer langen Periode des Verfalls erstrahlt das Kloster Cismar nach umfangreicher Restauration heute in seinem altem Glanz.

Die dunkelroten Backsteingemäuer bergen seit 1987 eine Außenstelle des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums, in dem der/die Besucherin wechselnde Kunstausstellungen besichtigen kann. Nachdem der Rundgang beendet, die Lust auf Kunst und Kultur gestillt, der Magen leer ist, versüßt ein Besuch im Klostercafé den Abschied.