Als ich im zarten Alter von 16 Jahren begonnen habe, meine eigenen Lieder zu schreiben und diese mit rotem Kopf und heißen Ohren vor einem kleinen, aber erlesenen Publikum vorzutragen, habe ich das getan, weil eine Stimme in mir sagte: „Trau dich doch einfach, was hast Du zu verlieren?“. Und sie hatte recht, diese Stimme. Ich hatte nichts zu verlieren und habe im Laufe der Jahre unendlich viel gewonnen – die Lieder und Konzerte sind ein wichtiger Teil meines Lebens geworden.
Als meine Freundin und ich dann mit Mitte zwanzig vor der Frage standen, ob wir heiraten sollten und ob wir auch reif genug dafür wären, war sie wieder da, diese Stimme in mir. Und als dann, nach dem Theologie-Studium, die Anfrage meiner Landeskirche an mich kam, ob ich bereit wäre, ein völlig neues Referat im Bereich „Verkündigung und Popkultur“ aufzubauen, hörte ich sie wieder: „Trau dich, brich auf, Gott hat dir Gaben gegeben und die kannst du einsetzen!“
Ob es nun um meine private oder berufliche Zukunft ging, immer wieder habe ich an entscheidenden Kreuzungen meines Lebensweges auf diese innere Stimme gehört und aus dieser Erfahrung ist letztendlich dann auch das Lied „Schritte wagen im Vertraun’ auf einen guten Weg“ entstanden. Dabei haben mich die wunderbaren Erzählungen aus der Bibel ermutigt, Schritte zu wagen, Schritte im Vertrauen darauf, dass da jemand ist, der es gut mit mir meint.
Die Urgeschichte vom Auszug des Volkes Israel ermutigt mich. Gegen alle Widerstände machte es sich auf einen weiten, mühseligen Weg, weil es eine Vision hatte, den Traum von einem Land, in dem „Milch und Honig fließt“.
Dieses Bild vom Exodus kann immer wieder ein programmatisches Bild für uns als Individuen, als Kirche, aber auch als Gesellschaft werden. Wo immer wir ge- oder befangen sind, scheinbar gelebt und verwaltet werden, gilt es diesen alten Freiheitstraum in Erinnerung zu rufen, die Ketten (der Trägheit) abzuschütteln und neu aufzubrechen. Dabei hilft es vielleicht, sich zu vergegenwärtigen, dass die Israeliten ständig am Jammern waren: Als sie in Gefangenschaft waren, war das nicht recht, als die zehn Plagen kamen, haben sie sich beschwert und erst recht in der Wüste: Ständig waren sie unzufrieden. Deutschland gilt als „das Land der Jammernden“, wir verwenden sehr viel Energie in unsere Unzufriedenheit und klagen dabei auf sehr hohem Niveau. Wie wäre es, wenn wir diese Power einmal nutzen würden, um voller Gottvertrauen aufzubrechen, um Neues und Gutes in unserer Welt zu wagen?
Clemens Bittlinger ist evangelischer Pfarrer, Kommunikationswirt und Musiker.