Berlin - Auch eine Woche nach der nächtlichen Alkoholfahrt von Margot Käßmann und ihrem Rücktritt als Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche reißen die Diskussionen nicht ab. Wie konnte das passieren? Und: Wie wird es weitergehen in der Evangelischen Kirche?
Viele Menschen haben mit Margot Käßmann im höchsten Amt der Evangelischen Kirche große Hoffnungen verbunden. Ich auch. Die Art und Weise, in der sie dieses Amt ausfüllte, zeigte, wie sie mit den hohen Erwartungen der Menschen umgehen wollte: Menschlich nämlich!
Manche hat das irritiert. Viele aber haben dadurch die Kirche noch einmal ganz anders erlebt. Nicht von oben herab und selbstgewiss, sondern zweifelnd, verletzbar, selbstkritisch. Auch ihre Entscheidung zurückzutreten, ist für mich ein Ausdruck dieser Haltung.
Es ist ein Rücktritt, den ich – wie viele, viele andere – zutiefst bedauere. Und wenn er sein musste, so stellt er auch die Frage an mich selbst: Wie gehe ich mit eigenen Fehlern um? Welche Konsequenzen ziehe ich aus dem Erschrecken über mich selbst?
Die Ereignisse der vergangenen Tage haben gezeigt, wie groß die Erwartungen an die Kirchen sind: Wer von der Kanzel moralische Maßstäbe verkündet, an dessen Lebensführung sollten diese Maßstäbe auch ablesbar sein. Wenigstens Bischöfinnen und Priester, Kardinäle und Pfarrerinnen müssten doch vorbildlich leben, dürften sich nichts zuschulden kommen lassen.
Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Auch wir sind nur mittelmäßige Ehepartner, fehlbare Mütter oder Väter, verletzbare und manchmal sogar verletzende Menschen.
Wer Christ oder Christin ist, ganz egal ob als Pastorin oder Priester oder in irgendeinem anderen Beruf, ist deshalb kein besserer Mensch. Man mag einen anderen Anspruch haben an sich selbst; ja man sollte sich mühen; aber ein besserer Mensch ist man deshalb natürlich nicht.
Der christliche Glaube – und daran erinnern wir uns in der Passionszeit – fordert von uns kein perfektes Leben. Nur, dass wir ehrlich sind mit unseren Fehlern und umkehren – das in der Tat – wird erwartet. So ist Margot Käßmann gerade in ihrer Niederlage zum Vorbild geworden.
Ralf Meister (* 1962 in Hamburg) ist Generalsuperintendent im Sprengel Berlin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Seit 2001 erlangte er außerdem als Sprecher des Wortes zum Sonntag der ARD bundesweite Bekanntheit.