• 11. März 2010
  • Ausgabe 10/2010
  • von Werner Boote

Verheißung und Vergiftung

Dank Kunststoff sind wir auf den Mond geflogen, und ohne Kunststoff würden wir heute „hinter dem Mond“ leben. – Dieser Satz drückt meiner Meinung nach jene Faszination aus, die uns den klaren Blick auf die Gefahren durch Plastik lange trübte.

Früher hatte ich grenzenloses Vertrauen in Plastikprodukte. Ich dachte, dass die Kunststoffindustrie – mit mehr als 800 Milliarden Euro Umsatz im Jahr ihre Produkte gewissenhaft testet, bevor man sie verkauft. Ich war der Ansicht, dass die zuständigen Behörden alles kontrollieren, damit keine schädlichen Produkte auf den Markt kommen. Aus Bequemlichkeit und Naivität ging ich also davon aus, dass andere die Verantwortung für mein Glück und meine Gesundheit wahrnehmen. Bis ich eines Besseren belehrt wurde.

Vor einiger Zeit kaufte ich in Wien einen aufblasbaren Plastikglobus, auf dessen Spur ich mich im Kinofilm „Plas­tic Planet“ begebe. Interessanterweise begegnete ich genau dem gleichen aufblasbaren Ball in Deutschland, Italien, England und Amerika. Er erschien mir als ein passendes Bild für die Situation, in der wir uns befinden: Wir leben auf dem „Plastic Planet“. Kunststoffe haben in allen Bereichen des täglichen Lebens Einzug gehalten. Nicht zuletzt, weil Plas­­tik billig, bunt, formbar und praktisch ist.

Welche Bedrohung Plastik für die Umwelt darstellt, ist mittlerweile wohl jedem bewusst. Als ich meinen aufblasbaren Globus von einem Labor chemisch analytisch untersuchen ließ, stellte sich heraus, dass dieser harmlos aussehende bunte Ball sehr viele Gefahrstoffe enthielt und auch sehr viel mehr als zugelassen waren. In weiterer Folge ließ ich viele Plastikprodukte tes­ten. Die Ergebnisse waren schockierend. Selbst in Babyschnullern wurde eine Substanz in hohem Maße gefunden, die in dringendem Verdacht steht, für Krebserkrankungen, Unfruchtbarkeit und Herzerkrankungen verantwortlich zu sein.

Seit Jahren ist auch bekannt, dass gefährliche Substanzen aus den Produkten austreten können. Ich wollte dies nicht wahrhaben, bis ich schließlich mein Blut testen ließ. Zwar wusste ich aus Studien, dass jeder von uns Plas-tik im Blut hat, aber dass es so viel sein würde, war schockierend. Danach ließ sich auch mein Filmteam untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass jeder eine Menge Kunststoffe im Blut hatte.

Aufgrund des Projekts „Plastic Planet“ wurden bestimmte Produkte vom Markt genommen. Das darf jedoch nur der Anfang sein. Jahrzehnte lebten wir im Glauben, dass wir von unserer eigenen Schöpfung „Kunststoff“ nur profitieren könnten. Die desaströsen Folgen sind – wie so oft – erst im Nachhinein deutlich geworden . Wir waren so „klug“, Kunststoffe zu erschaffen, also sollten wir nun so klug sein und zügig handeln und einen sorgsamen Umgang mit Plas­tik pflegen. Damit wir unseren Kindern einen gesünderen Plastikplaneten übergeben können.

Werner Boote ist Filmemacher und Regisseur des Dokumentarfilms „Plastic Planet“.