• 1. März 2004
  • Ausgabe 20/2005
  • von Philina Wittke u. a.

Klöster in Nordelbien – Folge 7:
Hier warteten Damen auf den Bräutigam

Preetz – „Die Reformation ist hier ganz friedlich abgelaufen - im Gegensatz zu vielen anderen Klöstern“, sagte die Priorin des ehemaligen Benediktinerinnenklosters, „für die Damen änderte sich im neuen Stift fast nichts.“ Nur hatten sie fortan außergewöhnliche Freiheiten, die ihnen die Benediktinerinnenregel nicht gewährt hätte.

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Die ehemaligen Nonnen wussten, was sie ändern wollten. Das Leben im eisig kalten Kreuzgang mit dem Blick auf den Friedhof empfanden sie bei aller Enthaltsamkeit als quälend. Die reichen Eltern bauten ihren Töchtern Häuser auf dem Damenstiftsgelände. Viele dieser Häuser sind noch erhalten. Heute wohnen hier Familien mit Kindern, Paare und Alleinstehende. Mit dem Damenstift haben sie selten etwas zu tun. Ihre Miete aber finanziert das wirtschaftlich unabhängige Kloster. Vor 700 Jahren brachte das Geld zur Instandhaltung des Klosters die Mitgift der adeligen Töchter ein. Selten blieben die jungen Mädchen den Rest ihres Lebens im Damenstift. Oft genossen sie die hervorragende Ausbildung und warteten auf einen adeligen Herrn, der sie heiratete.

Der erste Blick in die Klosterkirche mag erschrecken; er muss auf eine 4,50 Meter hohe, weiße Wand fallen. Sie sollte den Nonnen jegliche Verbindung zum Leben „draußen“ verwehren und ermöglichte gleichzeitig dem Dienstpersonal, an den Gottesdiensten teilzunehmen. Undenkbar, dass diese mit den Adeligen zusammen im Chorraum saßen.

Im Vorraum fällt ein schmuckloser Altar mit farblosen Holzfiguren auf – die Hälfte der Heiligen fehlt. „Sie wurden verkauft“, verrät eine begeisterte Dame, die Führungen anbietet, „das Kloster brauchte Geld.“ Und dann muss man noch genauer hinsehen, weil sie die Mode der beiden Frauenfiguren vergleicht. „Maria“, sagt sie mit gedämpfter Stimme, „hat das Madonnengesicht, den gesenkten Blick und ist lediglich in ein schmuckloses Tuch gehüllt.“ Maria Magdalena aber, „die den Tod Jesu in die Welt hinaus posaunt hat“, ist mit einem taillierten Kleid, einem modernen Hut und dem hoch erhobenen Haupt eine selbstbewusste, junge Frau. Ihre Kleidung entspricht „dem letzten Schrei“.

Kunstvolle Malereien rund um das Chorgestühl, Schnitzereien an deren Wangen, die Geschichten des Klosters erzählen und Baldachine von europäischem Rang schmücken die Kirche – lassen sie freundlich erscheinen. Vor den Baldachinen bleibt die Dame, die geradezu sprudelt vor Geschichten und Erlebnissen, erneut stehen. „Die sind so schön, dass man beinahe nicht hinschauen mag“, flüstert sie und ergänzt, „hier in der Mitte unter dem Thron, saß die Priorin, rundherum an den Wänden die Stiftsdamen.“

Die gepolsterten Sitzbänke machen stutzig, wenn man an die strenge Regeln der Benediktinerinnen denkt. Lediglich zwei schiefe, „hässliche“ Stühle in der letzten Reihe verraten, wie es hier einmal ausgesehen haben mag. Als das Kloster zum Stift und der Gottesdienst für die Angehörigen der Adelstöchter geöffnet wurde, konnte man ihnen nicht zumuten, auf dem harten Chorgestühl Platz zu nehmen. Kurzum wurden die Armlehnen herausgerissen und die Bänke mit weißem Samt verkleidet. Fortan hatte jede Familie eine eigene Loge. Noch immer aber war die Sitzordnung ein Abbild der Ständegesellschaft. Die Dienerinnen blieben weiterhin vor der Mauer, die Männer auf einem Podest jenseits des Chorraumes. Nur die weiblichen Angehörigen nahmen auf den weichen, weißen Bänken im Chorraum Platz. „Zwei Stühle aus der Klosterzeit“, macht es die Führerin spannend, „sind übrig geblieben“. Die Nonnen, die weiter nach der alten Regel leben wollten zogen die alten, unbequemen, harten Stühle in der letzten Reihe vor.

Die herrlichen Malereien hinter den Bänken sind auf besonderen Wunsch der Priorin Anna von Buchwald entstanden. Sie machte im 15. Jahrhundert mit ihrem Landesfürst einen Handel aus: sie durfte die Chorgestühlwände der Kirche bemalen und er erhielt im Gegenzug die Benediktinerinnen-Regel, die sie in jahrzehnte langer Arbeit zusammengestellt hatte und die als verloren galt. Die Bilder, die heute die Wände zieren sind rund 200 Jahr jünger und „moderner“. Sie sind über die alten hinüber gemalt. An manchen aber Stellen scheint noch die alte Farbe durch.