• 1. März 2004
  • Ausgabe 22/2005
  • von Christan Bruckbauer u. a.

Klöster in Nordelbien – Folge 8:
Gib Johannes einen Kuss!

Schleswig – Wenn Priörin Henny von Schiller auf dem Rundgang durch das adlige St. Johanniskloster vor Schleswig Johann Wolfgang von Goethe in ihre Erläuterungen einbezieht, erwartet man Familiengeschichten aus dem Sturm und Drang. Tatsächlich war Goethes einziger Sohn August mit Ottilie von Pogwisch verheiratet, deren Schwester Ulrike wiederum eine Vorgängerin der jetzigen Priörin war. Goethes Enkel wollten ihrer Tante Ulrike ein Geschenk für deren Gastfreundschaft während der Ferien machen. Die KLOSTER8.JPGWahl fiel auf vier silberne klassizistische Leuchter und das gesamte Tafelsilber aus dem Hause Goethe. Beides vermachte Ulrike von Pogwisch später dem Kloster.

Eine eher lokale Berühmtheit liegt auf dem Friedhof an der Klosterkirche begraben. Carl Gottlieb Bellmann soll auf der über dreihundert Jahre alten Orgel, die im Remter, dem alten Speisesaal des Klosters, noch heute zu besichtigen ist, seine Hymne an Schleswig-Holstein komponiert haben. Wenn das Kloster auch nicht „meerumschlungen“ daliegt, so hat es doch durch seine Lage direkt am Ufer der Schlei, am Rande der alten Fischersiedlung Holm, durchaus maritimen Charme.

Das Sankt-Johannis-Kloster vor Schleswig mit Remter, Kapitelsaal und Schwahl (Kreuzgang) ist auch heutzutage noch als mittelalterliches Baugefüge zu erkennen und bildet somit die älteste noch erhaltene Klosteranlage Schleswig-Holsteins.

Als erstes Kloster in Schleswig wurde, an der Stelle, wo sich heute die Michaeliskirche befindet, 1140 das Klosters St. Michael auf dem Berge gegründet. Nach 50-jährigem Bestehen als Doppelkloster für Mönche und Nonnen wurde es aufgelöst, da der sittliche Verfall – vor allem der männlichen Bewohner – dem Bischof ein Dorn im Auge war. Während die Mönche bis zur Auflösung ihres Konvents in der Reformationszeit von Ort zu Ort zogen, blieben die Nonnen in Schleswig. Sie übernahmen 1194 die heutige Klosterkirche. Die Nonnen, die nach den Regeln des heiligen Benedikt lebten, überstanden 1287 und 1487 zwei Brände, nach denen sie mit Brandbriefen Spenden sammelten und so dem Kloster zu etwas Wohlstand verhalfen. Im Zuge der Reformation wurden aus den zehn katholischen Nonnen zehn evangelische Konventualinnen. Während sich in katholischer Zeit die Nonnen schon überwiegend aus dem Landesadel zusammensetzten, übernahm die Schleswig-Holsteinische Ritterschaft nach der Reformation neben Itzehoe, Preetz und Uetersen auch Schleswig zur Versorgung ihrer Töchter.

Üblicherweise wird die Tochter schon bei Geburt eingeschrieben, das Kloster erteilt einen Klosterbrief über die Expektanz (Anwartschaft) und die Tochter wird zum expektierten Fräulein. Die Anwärterin musste nun schauen, dass sie entweder selbst heiratet, um durch ihren Mann versorgt zu sein oder durch Heirat einer Anwärterin oder nach dem Tod einer Konventualin selbst zum vollständigen Mitglied mit Wohnrecht im „Hochadeljungfrauen Klosters St. Johannis“ zu werden. Die jetzige Priörin Henny von Schiller, seit 14 Jahren im Amt, arbeitete zum Beispiel ihr halbes Leben als Wochenpflegerin, bis sie schließlich eine der Wohnungen für die zehn Konventualinnen bezog. Die momentan eingeschriebenen Damen sind bis nach Moskau und San Fransisco verstreut.

Bei der Aufnahme in den Stift kommt der Namenspatron, ohne den laut Frau von Schiller „hier gar nichts geht“, ins Spiel. Sie erklärt weiter, dass der heilige Johannis der Täufer der Mann sei, den alle Konventualinnen einmal küssen müssen. Wenn er auch nur als Maske aus Eichenholz besteht, über 600 Jahre alt ist und in einem Gedichtvers bei Detlef von Liliencron etwas despektierlich als „Haupt des heiligen Johannes in der Schüssel“ beschrieben wird, so war er für einige der Damen wohl die letzte, wenn nicht einzige amouröse Begegnung.

Wer noch mehr dieser Geschichten hören und alles über das Kloster erfahren möchte, der sollte sich mit Henny von Schiller zu einer Führung verabreden. Vor allen Dingen lohnt es sich der Zahl zehn nachzuspüren, die einem während des Rundgangs immer wieder begegnet.

Wer nicht nur Holz küssen möchte, kann seine große Liebe auch in Kirche oder Remter des Klosters küssen, beide können für Hochzeiten gemietet werden. Auch Taufen mit Wasser aus der Schlei sind möglich.