• 1. März 2004
  • Ausgabe 23/2005
  • von Jochen Denker u. a.

Klöster in Nordelbien – Folge 9:
Zu Gast bei Goethes Gustchen

uetersen – Bis nach Italien hat es einst Johann Wolfgang von Goethe verschlagen, deutsche Lande hat er bereist, wanderte auf den Spuren berühmter Männer, und wurde noch zu Lebzeiten selbst ein berühmter Mann. Dass Goethe allerdings eine ganz besondere Beziehung zu einer kleinen norddeutschen Stadt inne hatte, das wissen nur die wenigsten.

Mit dem westlich von Hamburg gelegenen Uetersen verband ihn ein reger Briefwechsel mit einer jungen Gräfin. Augusta Louise zu Stolberg-Stolberg wurde in der Zeit des „Sturm und Drang“ Goethes Vertraute und ging als „Goethes Gustchen“ fortan in die Literaturgeschichte ein. 13 Jahre lang lebte die Gräfin Stolberg im adeligen Kloster zu Uetersen, einem Damenstift für adelige, unverheiratete Töchter. Die Geschichte des Klosters lässt sich indes bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurückverfolgen. Um 1234 übertrug Heinrich II. von Barmstede seine adeligen Güter an das Kloster. Wahrscheinlich ist sogar, dass man die ersten Klostergebäude mit den Steinen aus Heinrichs Burg errichtete. Das Kloster ist eines von vielen, die im Zeitraum zwischen 1150 und 1350 im deutschsprachigen Raum gegründet wurden. Uetersen war wie die meisten dieser Gründungen ein Nonnenkloster der Zisterzienser. Die Zisterzienser waren Geistliche, die streng nach der Regel „Ora et Labora“ („Bete und Arbeite“) lebten und an ein Leben in Kargheit und religiöser Vertiefung gewöhnt waren.

Über das Leben im Kloster vor der Reformation ist nur wenig bekannt. Zur besonderen Pflicht der Nonnen gehörte jedoch die Versorgung von Bedürftigen als auch die Pflege von Alten und Kranken in einem Siechenhaus. Darüber hinaus beschäftigte das Kloster viele Männer und Frauen der Region, sodass sich im Laufe der Zeit viele Handwerker in unmittelbarer Nähe des Klosters ansiedelten. Verbunden mit der großen wirtschaftlichen Blüte dieser Zeit ist auch die Zucht von Pferden, die erstmals aus dem 14. Jahrhundert überliefert ist.

Als die Reformation im 16. Jahrhundert durchs Land zog, erwies sich Uetersen als Bollwerk gegen den evangelischen Glauben. Gestärkt durch die Schauenburger Grafen, welche noch lange am Katholizismus festhielten, widersetzte sich das Kloster 1541 der Weisung des dänischen Königs Christian III, der alten Lehre abzuschwören und den Evangelismus anzunehmen. Erst mit einem zweiten persönlichen Eingreifen Christians im Jahr 1555 hatte sich die Reformation schließlich auch im Kloster Uetersen endgültig durchgesetzt.

Das Nonnenkloster wurde in ein adeliges Damenstift umgewandelt, was tiefgehende Veränderungen mit sich brachte. Von nun an war es den Frauen des Klosters erlaubt zu heiraten, sodass die eingesessene Ritterschaft fortan ihre unverheirateten Töchter in das Stift schickte. Zwar schrieb die Klosterordnung einige Grundregeln bezüglich der Kleidung und des Privatlebens der Bewohnerinnen vor, aber schon im 18. Jahrhundert ging man in Uetersen nach der Mode. Auch der religiöse Aspekt war seit langem in den Hintergrund getreten. So war es schließlich auch der jungen Gräfin möglich, dem Verfasser des „Werther“ ihre Hochachtung entgegenzubringen.

Schreitet man in diesen Tagen über das Klostergelände, so sollte man einen Blick in die um 1748 neu errichtete Kirche werfen, der Altar gehört zu den eindrucksvollsten im norddeutschen Raum. Und auch der alte Klosterfriedhof zeugt vom Charme vergangener Epochen. Heute ist das Adelige Kloster Uetersen noch immer eine selbstständige Stiftung, eine Priörin und sieben Damen gehören offiziell dem Konvent an. Die ehemaligen Wohnhäuser sind jedoch vermietet, keine der Damen nimmt ihr Wohnrecht wahr. Verteilt in der ganzen Republik gehen sie rein bürgerlichen Berufen nach.