Die Stille ist so alt wie die Schöpfung selbst. Sie gehört zum Anfang allen Lebens. Stille also als ein ursprünglicher leiser Zustand. Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts fast unvorstellbar. Wir leben in einer lauten Welt. Die Technik dominiert unser Leben.
Unentbehrliches Handyklingeln in Sitzungen und auch in Gottesdiensten, Computerverliebtheit vielerorts – da wird dem Laptop mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Menschen, mit denen man am Tisch sitzt; da wird vorm Fernseher gehangen gegen aufkommende Langeweile oder sich mit Musik beduselt zur Ablenkung in Schnellrestaurants, in U- oder S-Bahnen; Radiomusik dröhnt neben Fön- und Trockenhaubengetöse beim Friseur oder sogar in vermeintlich guten Restaurants bei Tisch. Der Mensch ist ein „Gewohnheitstier“ und gewöhnt sich an das eine oder andere mehr oder weniger. So auch an eine ständige technische Reizüberflutung. Doch der Körper schreit: Halt!
Unsere Ohren geben seit einigen Jahren deutlich Warnzeichen. Sie widersetzen sich diesem ständigen Hörfluss, dem Geräuschpegel. Tinnitus und Hörsturz sind Erkrankungen, die deutlich zunehmen.
Was hat das alles mit der Stille und ihrer Bedeutung zu tun? Eines Tages fragte mich eine Frau: „Haus der Stille, muss man da immer still sein?“ In ihrem Gesicht las ich noch: merkwürdig, komisch. Ich entdeckte Unbehagen und die Frage: Was soll das?
Wir kamen in ein längeres Gespräch und sie machte mir deutlich, dass sie mit Stille frühere disziplinarische Handlungen verbunden hat, still sein etwa und Sätze wie: „Geh in die Ecke und sei stille“. Oder aber die laute, lebendige Musik in der Disco und dann die einsame, bedrückende Stille, wenn sie wieder zu Hause, allein in ihrer Wohnung war. Doch je älter sie wird, so erzählt sie, desto mehr packt sie eine Sehnsucht nach Stille. Sie fragt sich, wa-rum sie die Stille oft übertönt.
Morgens, gleich nach dem Aufwachen schaltet sie das Radio an und abends, wenn sie von der Arbeit kommt, den Fernseher. Letztens hatte sie ein besonderes Erlebnis. Sie besuchte in Berlin in der Gedächtniskirche eine Andacht und sang: „Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden“. Das machte sie mit einem Mal ruhig, beinahe friedvoll, und als die Zeit der Stille endete, hätte sie gerne noch darinnen verweilt.
Wozu dient die Stille? Sie macht das Ohr und mein Innenleben frei von äußeren Höreinwirkungen, sie ermöglicht eine Konzentration auf mich selbst. Ich spüre intensiver, wie ich atme und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Dabei können Bilder auftauchen, Begebenheiten, Menschen, Worte und Landschaften, die ich lange nicht mehr wahrgenommen habe. Somit verbindet uns die Stille mit unserem schlummernden Innenleben. Das kann Angst machen bei unguten Erfahrungen, das kann ebenso Glücksgefühle hervorrufen.
Die Stille, die die Frau in der Berliner Gedächtniskirche erlebt hat, war eingebunden in die Hinwendung zu Gott. Diese Hinwendung drückt Romano Guardini so aus: „Lehre mich, Gott, in der Stille deiner Gegenwart das Geheimnis zu verstehen, dass ich bin. Und dass ich bin durch dich und vor dir und für dich.“ Die Verse können einleiten in die Stille christlicher Meditation. Hierin übe ich eine Stille als lebensvolle Dynamik. Ich bin im Einklang und überlasse mich dem Fluss des Lebens – nehme den Frieden wahr, der verborgen in mir, in allen Geschöpfen Gottes wohnt.
In unserem Haus erlebe ich viele Menschen. Die Erfahrenen und die Suchenden, die Anfängerinnen und Anfänger mit der Stille. Doch uns alle eint die Sehnsucht nach der Erfahrung mit dem Göttlichen in der Stille. Und danach, uns bewusst Zeit zu nehmen und uns zu öffnen für Gottes Liebe und Segen. Versuchen Sie es – wagen Sie die Stille und Sie werden staunen.
Schwester Anke Frickmann ist Leiterin des Hauses der Stille in Bielefeld.