• 19. Oktober 2005
  • Ausgabe 42/2005
  • von Martin Sterr

Wenn Kinder „aus“- bleiben

Hamburg – Es gibt Tage an denen meidet Johanna Kröger ihr Wohnzimmer. Dort liegt dann ihr Telefon und ist stumm. Es sind Tage, an denen die 41-jährige Marketing-Fachfrau jedes Klingeln fürchtet. Irgendwann kommt dann der Anruf aus der gynäkologischen Abteilung der Universitätsklinik in Hamburg. Und wieder wird bei Johanna Kröger, wenn sie die schlechten Nachrichten hört, ein Stück Hoffung sterben. Die Eizelle wird nicht heranwachsen, ihr Bauch wird nicht dick werden, sie wird nicht die Tritte ihres Ungeborenen spüren, sie wird wieder kein Baby bekommen.

Rund 40 000 Paare versuchen pro Jahr in Deutschland mithilfe künstlicher Befruchtung Eltern zu werden. Über 200 000 Paare wenden sich hilfesuchend an Ärzte und Kliniken. Und Begriffe wie Hormonstimulation, Eizellegewinnung, Embryonentransfern oder In-Vitro-Fertilisation (IVF) kommen ihnen bald wie selbstverständlich über die Lippen. Auf den Nachttischen stabeln sich Ratgeberliteratur und medizinische Abhandlungen und das Liebesleben wird auf Hormonspritzen und Zyklen abgestimmt. Selbst die Ersparnisse werden ungerührt in die künstliche Befruchtung investiert. Zwischen 3000 und 5000 Euro kostet das Verfahren pro Versuch und nur bei den ersten drei Versuchen übernimmt die Krankenkasse die Hälfte der Kosten.

Doch die Sehnsucht nach dem Kind und die Probleme mit dem Kinderkriegen halten viele Paare strikt geheim. Aber der Absturz kommt, meist nach dem zweiten oder dritten IVF-Versuch. „Sie sitzen dann wie ein Häufchen Unglück zu Hause und fragen sich: Warum klappt die natürlichste Sache der Welt bei uns nicht“, sagt die Diplompsychologin Kerstin Giesa. Die schleichende Erkenntnis vielleicht doch keine Kinder zeugen zu können, führt dann viele Paare in die Eimsbüttler Praxis der Therapeutin. Vor allem für Frauen gehört die ungewollte Kinderlosigkeit zu den schlimmsten Erlebnissen im Leben. Viele haben sich erst im „reiferen Alter“ zum Kind entschlossen. Man hat den richtigen Partner, ist im Beruf etabliert und die richtige Wohnung mit Kinderzimmer ist auch gefunden. Sätze wie: „irgendwie habe ich mir immer ein Kind gewünscht“, oder „ein Kind ist doch erst die Erfüllung von allem“, „ich will doch etwas weitergeben“ hört Giesa täglich in ihren Praxisräumen. Für einige ist schließlich ein Leben ohne Kind nicht mehr vorstellbar, ja sogar im Extremfall sinnlos geworden.

„Manche Frauen fühlen sich einfach nicht vollständig“, erklärt Giesa. Dann kommen die Vorwürfe gegen sich selbst („Hätte ich doch früher angefangen“) oder gegen den Partner („er hat es immer verschleppt“). Gleichzeitig gibt es aber auch Verlassensängste „nimmt er/sie eine andere/einen anderen, um Kinder zu bekommen?“

Auch Neid und Eifersucht auf Freunde und Freundinnen, die offenbar spielend mit Kindern gesegnet wurden, kann existenzielle Krisen auslösen. Denn vielen typischen IVF-Patientinnen fällt es schwer, dass Urteil der Natur zu akzeptieren. Haben sie doch bislang gelernt, dass man alles erreichen kann, wenn man sich anstrengt oder bemüht. „Einige fassen die Gespräche auch als letzten Strohhalm auf damit es endlich klappt“, erzählt die Therapeutin, die in Hamburg und Berlin arbeitet. Vor allem Frauen wollen sich nicht vorwerfen lassen, sie hätten nicht alles versucht.

Manche Paare kommen gleich zu Beginn ihre „Achterbahnfahrt Zeugung“ zu Kerstin Giesa. Da könne man dann nicht nur über die Motive sprechen, sondern auch die Grenzen ausloten, weiß die Expertin. Die Gespräche kreisen um Fragen, wie wieweit wollen wir finanziell, als Paar oder in unserem Leben gehen, um vielleicht doch noch ein Kind zu bekommen. „Es ist ganz natürlich, dass man sich als Mensch mit solchen Entscheidungen schwertut und gerne die Verantwortung abgeben möchte“, sagt Giesa.

Der Abschied von Kinderwunsch ist dann eine schmerzvolle oft jahrelange Trauerarbeit. Zwar öffnen sich einige Paare für die Themen Adoption, Pflegekind oder eine ehrenamtliche Arbeit mit Kindern. Aber manchmal bekommt man auch nach Jahren plötzlich einen Stich, wenn man neben einem Kinderwagen am Zebrastreifen steht. „Das Verlangen wird bleiben“ sagt Giesa. Es gilt mit der ungestillten Sehnsucht umzugehen, sich Rituale zu schaffen. Und eine große Angst ist meist grundlos: Dass man nur mit Kindern ein glückliches und erfülltes Leben führen kann.