• 26. Oktober 2005
  • Ausgabe 43/2005
  • von Joachim Willems

Wort Gottes in modernem Russisch

Orenburg – Wenn Natalja zur Kirche geht, kommt sie vorbei an den prächtig verzierten Kuppeln orthodoxer Kirchen. Doch Nataljas Weg durch die russische Stadt Orenburg führt in ein schlichtes doppelstöckiges Steinhaus mit hohem Dach. Über Außentreppe und Treppenhaus erreicht sie einen großen Raum, den die meisten Russen kaum als Kirche erkennen würden. Denn es fehlen die Ikonenwand, die Kerzenständer vor den Heiligenbildern und der Weihrauchduft, der alle orthodoxen Kirchen erfüllt. Stattdessen Stuhlreihen, eine elektrische Orgel, ein Pult, als Altar ein weißgedeckter Tisch mit einem Kreuz.Seit 1999 feiert hier die lutherische Gemeinde von Orenburg ihre Gottesdienste. Die Stadt mit dem deutsch klingenden Namen liegt in der süd-russischen Steppe, wo sich die Bevölkerung mischt: Russen, Kasachen, Tataren und Angehörige vieler anderer Völker leben hier.

In der Regel bekennt sich jeder zur Religion seiner Vorfahren: Kasachen und Tataren zum Islam, Russen zum orthodoxen Christentum. Die Ärztin Natalja ist eine Ausnahme. Obwohl sie Russin ist, geht sie zur lutherischen Kirche. Dort schätzt sie die enge Verbundenheit der Menschen und die Predigten, in denen sie viel über den christlichen Glauben lernen kann.

Es ist Natalja wichtig, dass sie versteht, was sie glaubt. Deshalb genießt sie es, dass die lutherischen Gottesdienste in modernem Russisch gefeiert werden, nicht im schwer verständlichen Altkirchenslawisch wie bei den Orthodoxen. Es stört sie aber auch nicht, wenn im Gottesdienst aus der deutschen Bibelübersetzung gelesen wird. Vielen Gemeindegliedern ist das wichtig, vor allem den alten Russlanddeutschen, die untereinander immer noch deutsch sprechen. Auch einige jüngere Deutschstämmige bestehen auf die deutschen Bibellesungen. Sie würden am liebsten den ganzen Gottesdienst auf Deutsch feiern, obwohl sie die Sprache nicht verstehen. Für sie ist das Luthertum „die deutsche Religion“.

Kein Wunder, dass es wegen der Sprachenfrage mitunter zu Spannungen in der Gemeinde kommt. Aber Inessa Thierbach, Gemeindepastorin und Pröpstin des Orenburger Gebiets, außerdem selbst Russlanddeutsche, vertritt eine klare Linie: Kirche ist kein nationaler Verein, die Menschen sollen das Wort Gottes verstehen.
Wem seine deutsche Abstammung wichtig ist, der kann ja eine Etage höher gehen – im selben Gebäude wie die Kirche befindet sich die russlanddeutsche Kulturorganisation „Wiedergeburt“. Dass sich beide Organisationen ein Gebäude teilen, war eine Bedingung der deutschen Geldgeber, die in den 1990er Jahren den Bau des Hauses finanzierten.

Nicht überall in Russland waren solche Neubauten nötig. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende der kirchenfeindlichen Politik konnten einige lutherische Gemeinden ihre Kirchen zurückbekommen, die nach der kommunistischen Revolution von 1917 enteignet worden waren. Auch in Orenburg hatte es eine lutherische Kirche gegeben: Bald nach dem Bau der Stadt im 18. Jahrhundert gründeten die hier stationierten deutschen und baltischen Militärangehörigen eine Gemeinde. Doch unter Stalin wurde die Kirche als Organisation vernichtet, das Kirchgebäude abgerissen, die Gemeinde zerfiel.

Und noch eine weitere Katastrophe stand am Neubeginn lutherischen Lebens im Südural: Als Hitlers Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfiel, reagierte Stalin mit Härte gegen alle Deutschen in seinem Machtbereich. Eine Million Deutsche wurden von ihren Siedlungsgebieten an der Wolga und aus anderen Gegenden Russlands deportiert. Jeder dritte überlebte die Strapazen nicht, die Überlebenden mussten in den nächsten fünfzehn Jahren Zwangsarbeit leisten. Einige der Arbeitslager befanden sich im Orenburger Gebiet. Obwohl hier religiöse Betätigungen verboten waren, trafen sich Gläubige zu heimlichen Gebeten und Gottesdiensten. Diese Kreise wurden zu Keimzellen von Gemeinden, die zum Teil bis heute bestehen.

Die Gemeinde in Orenburg entstand erst um 1990. Als die Sowjetunion zerfiel, besannen sich vielerorts Russlanddeutsche ihrer konfessionellen Wurzeln und gründeten Gemeinden, die sich der ELKRAS anschlossen, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland und anderen Staaten der vormaligen UdSSR.

Mittlerweile sind die meisten Russlanddeutschen in die Bundesrepublik übergesiedelt. Die ELKRAS besteht aber weiter – dank des religiösen Interesses von demokratisch gesinnten und gut ausgebildeten Russinnen und Russen wie Natalja, die sich für die lutherische Verbindung von Glaube, Freiheit und Gemeinschaft begeistern. Die Mitgliederzahlen geben dennoch Anlass zur Sorge. Bis vor kurzem ging die ELKRAS noch von 250 000 Gemeindegliedern aus. Im Frühjahr wurde der Generalsynode erstmals eine detaillierte Statistik vorgestellt – danach beträgt die Zahl der Gemeindeglieder nur 16 000. Es drängt sich nun die Frage auf, ob die Kirche wirklich mehrere Bischöfe und an der Spitze einen Erzbischof braucht.

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeit an der Berliner Humboldt-Universität. Sein Buch
„Lutheraner und lutherische Gemeinden in Russland“ ist in diesem Jahr im Martin-Luther-Verlag erschienen.