• 23. November 2005
  • Ausgabe 47/2005
  • von Dr. Friedrich Rost

Schenken – so geht es richtig

„Die Menschen verlernen das Schenken“, bemerkte Adorno schon 1944. Das gilt heute wohl noch mehr, denn die Kluft zwischen der Idee des Schenkens und der Praxis scheint zu wachsen. „Alle Jahre wieder“ und „nicht nur zur Weihnachtszeit“ schenken wir mehr oder weniger gern, freuen uns selbst über Geschenke oder sind über Gaben und Geber enttäuscht.

Ist Schenken eine lästige Pflicht, bei der oft das unpassende Geschenk ausgesucht wird, weil wir die Wünsche der anderen, weil wir die zu Beschenkenden gar nicht mehr richtig kennen? – Oder ist Schenken eine Kunst, andere und damit sich selbst zu beglücken?

Von seiner Definition her gilt Schenken als freiwilliger Akt zur Ehrung einer anderen Person. Unterschiedliche Auffassungen gibt es nicht nur hinsichtlich der Freiwilligkeit. Mal ehrlich: Geht es uns nicht manchmal darum, eine lästige Pflicht schnell hinter uns zu bringen und dennoch bei den zu Beschenkenden als großzügig und wohlwollend zu erscheinen? – Wir wollen auf keinen Fall als geizig oder unsozial gelten. Wenn wir darüber nachdenken, werden wir uns wohl eingestehen müssen, dass es uns selbst auf Anerkennung und soziale Bindung ankommt. Obwohl wir keine Garantie haben auf Gegenleistung, gibt es dank der Anstandsregeln eine ziemliche Gewissheit auf Gegengeschenke.

Doch wer bekommt schon das geschenkt, was er sich insgeheim wünscht? Ein Ökonom hat für die USA errechnet, dass dort alljährlich 16 Milliarden Dollar Verlust dadurch entstehen, dass Geschenke die Geber mehr kosten als sie den Empfängern wert waren. Welch ein Aufwand an Gedanken und Zeit mit welch geringem Erfolg! Sein Fazit: Geld ist das einzig vernünftige Geschenk, weil es keine Verluste verursacht. Geldgeschenke sind effizient: Der Beschenkte hat die freie Wahl, bis das Geld ausgegeben ist. Der Empfänger weiß auch, was er dem anderen wert ist. Doch was hat das noch mit Schenken zu tun?

Vergessen wir nicht, dass das Schenken eine kulturelle Erfindung des Adels ist, der über genügend Zeit und Mittel verfügte, sich gegenseitig luxuriös zu erfreuen. Wenn das „einfache Volk“ diese Sitte übernimmt, sobald es selbst über eigene überschüssige Mittel verfügt, die nicht weggesteuert werden, muss etwas „dran“ sein am Geben. Die Wurzeln des Schenkens im Partnerwerbe- und Brutpflegeverhalten als Grundlage von Verwandtschaft und Bündnissen lehren, dass es mit einem guten Gefühl verbunden ist, geben zu können. Skeptische oder selbstzweiflerische Menschen brauchen zur Verstärkung vielleicht die Vorstellung, dass es sich lohnen werde, wenn nicht auf Erden, so doch im Himmelreich. Was viele jedoch fasziniert ist die Vorstellung vom geglückten Schenkakt: von der Vorfreude, wenn man ein sehr passendes Geschenk für einen geliebten Menschen gefunden hat, sodass man es selbst kaum aushält bis zum Tag der Übergabe, über die gemeinsame Freude bei der geglückten Überraschung bis zur späteren Erinnerung.

So braucht es Fantasie, Sensibilität und Wachsamkeit über das ganze Jahr, um die passenden, individuell gewählten Geschenke zu finden, die der jeweiligen Beziehung entsprechen. Selten steht dabei der materielle Wert des Geschenks im Vordergrund, denn die meisten Geschenke könnten sich Erwachsene, sofern sie nicht arm sind, selbst leisten. Es geht um soziale Wertschätzung, die jemandem durch ein Geschenk übermittelt wird.

So mögen wir in der Vorweihnachtszeit gehetzt und genervt sein, mag uns das Schenken oftmals lästig erscheinen, doch auch Gelegenheit bieten, persönliche Beziehungen zu bedenken. Wenn wir uns dann zum Schenken entschlossen haben, sollten wir uns Mühe geben, genau das Geschenk zu finden, das den anderen beglücken könnte.

Friedrich Rost ist Erziehungswissenschaftler an der FU Berlin und Redakteur der „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“.