• 1. Februar 2006
  • Ausgabe 05/2006
  • von Mirjam Büttner

Billiger sterben, weniger trauern

Hamburg – „Bitte machen Sie es nicht so traurig.“ Diesen Satz hat Olaf Krämer schon häufig von Hinterbliebenen gehört. Der Pastor des Hamburger Friedhofs Ohlsdorf gibt pro Jahr rund dreihundert Verstorbenen das letzte Geleit. Er glaubt, dass viele Menschen nicht mehr in der Lage sind, Traurigkeit auszuhalten.

Immer öfter verzichteten die Verwandten auf eine Trauerfeier in der Kapelle, und auch am Grab soll alles möglichst schmerzlos ablaufen: Kurze Beerdigung, dann schnell zurück in den Alltag und gar nicht viel an Abschied denken. Wenn der Pastor nach Gründen fragt, bekommt er Antworten wie: „Das halten wir nicht aus“ oder „Wir wollen uns das nicht antun, vor dem Sarg zu sitzen.“

Olaf Krämer erfährt aber auch, dass oft die finanzielle Lage über die Form der Bestattung entscheidet. „Man hat ja nicht einfach so 5000 Euro für eine Beerdigung übrig“, sagt der Friedhofspastor. Wenn der Verstorbene nicht vor seinem Tod für die Beisetzung bezahlt hat, müssen die Hinterbliebenen dafür aufkommen. Also wird dort gespart, wo es möglich ist. Die Trauerfeier in der Kapelle ist kein Muss, auch nicht der Blumenschmuck und die Kerzen. Wer auf all das verzichtet, zahlt zwischen 500 und 1000 Euro weniger. Im Jahr 2004 seien die Trauerfeiern um fünf Prozent zurückgegangen, sagt Olaf Krämer.

Mehr als eineinhalb Millionen Menschen haben in Ohlsdorf bereits ihre letzte Ruhestätte gefunden, darunter viele prominente Bürger Hamburgs. Auf dem weltweit größten Parkfriedhof kann jeder bestattet werden, unabhängig von Religion und letztem Wohnsitz. An den Grabmälern aus mehr als 125 Jahren Friedhofsgeschichte lassen sich auch Bestattungstrends ablesen.

Lutz Rehkopf, Sprecher des Ohlsdorfer Friedhofs, beobachtet einen Trend, der sich vor allem in den letzten zehn Jahren konstant entwickelt hat: Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine Feuerbestattung. Mittlerweile werden zwei Drittel aller in Ohlsdorf beigesetzten Toten eingeäschert. Urnengräber sind schmäler und kosten daher weniger als Sarggräber, die Grabsteine fallen entsprechend klein aus.
„Auch die anonyme Beisetzung wird stärker nachgefragt“, sagt Lutz Rehkopf. Jeder vierte Verstorbene wird inzwischen anonym bestattet: ohne Trauergemeinde, ohne Grabstein. Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Im vergangenen Jahr wurde in Ohlsdorf zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder ein Mausoleum gebaut. Doch die meisten Menschen entscheiden sich für kostengünstige Beerdigungen.

Das ist ein Trend, der vor allem den Steinmetzen zu schaffen macht. Wolfgang Malota hat in seinem Familienbetrieb in Ohlsdorf die Höhen und Tiefen der Grabsteinkultur erlebt. „In den siebziger Jahren hat das Geschäft gebrummt“, sagt der 43-Jährige, „dann ging es konstant bergab“. In seinem Steinmetzbetrieb kann er inzwischen nur noch einen Gesellen beschäftigen, früher waren es einmal vier. Es gäbe nach wie vor Leute, die bereit seien, einen schönen Grabstein zu kaufen, sagt Malota. So ein Auftrag komme aber nur zwei Mal im Jahr. „Grabmalkunst ist nicht mehr gefragt, auch hier greift die ‚Geiz-ist-geil’-Mentalität um sich“. Die Friedhofsverwaltung sei an diesem Trend nicht ganz unschuldig, meint Malota. „Früher gab es genaue Vorschriften und die Steinmetze mussten sich anstrengen, was Schönes zu machen“. Heute hätte die Verwaltung kein Interesse mehr, den Friedhof ansprechend zu gestalten.

„Wir leben in einer mobilen Zeit, das hinterlässt auch Spuren auf dem Friedhof“, sagt Pastor Olaf Krämer. Er beobachtet, dass sich die Formen des Erinnerns geändert haben. „Vielen Menschen reicht ein Bild des Verstorbenen aus, sie brauchen keinen Friedhof mehr.“ Deshalb würden die Toten immer häufiger anonym beigesetzt. „Aber wirklich neu ist das nicht“, sagt Olaf Krämer. „Anonyme Bestattungen gab es immer schon, vor allem im Mittelalter. Grabsteine mit Inschrift sind eigentlich eine Erfindung der Neuzeit“.