• 29. April 2004
  • Ausgabe
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 1. Folge

Moritz raste auf seinem Kickboard durch die Stadt. Er hatte kein Ziel. Nur weg von zu Hause! Heimlich hatte er sich davongestohlen. Schon vor einigen Tagen hatte es Mam angekündigt, jetzt war es so weit. Paps war gekommen, um die letzten Sachen abzuholen. Viel gab es nicht mehr von ihm in der Wohnung. Schon vor zwei Monaten war er ausgezogen. Aber einiges hatte er doch noch zurückgelassen: Bücher, Platten, Papiere und Kleidungsstücke.

Moritz hing an diesen Sachen. Sie waren wie ein heimliches Versprechen, dass alles wieder wie früher würde. Solange Paps’ Reste noch zu Hause waren, das Regal und die Schränke füllten, so lange gab es für Moritz noch Hoffnung. Um keinen Preis wollte er deshalb dabei sein, wenn sein Vater heute Nachmittag die letzten Dinge zusammensuchte und endgültig auszog.
Genau zur verabredeten Zeit, am frühen Nachmittag, war Moritz’ Vater mit großen Kartons unter dem Arm erschienen und gleich mit Mam in die Küche gegangen. Mam hatte geschimpft, Paps geschwiegen. Keiner hatte auf Moritz Acht gegeben. Und Anna, seine sechsjährige Schwester, hatte währenddessen seelenruhig in ihrem Zimmer die Puppen frisiert. Niemand hatte bemerkt, wie Moritz sich davonmachte, wie er auf Fußspitzen den Flur entlangging, sich sein Kickboard schnappte, vorsichtig die Tür öffnete, hinausschlüpfte und leise die Wohnungstür hinter sich zuzog.
Moritz wollte nicht dabei sein, wenn alles zu Ende ging. Er wollte nicht mit ansehen, wie Paps die Kartons auffaltete und seine Sachen hineinpackte, um für immer auszuziehen und nie mehr zurückzukehren. Für immer, nie mehr! Den ganzen Tag hatten sich diese Worte in Moritz’ Kopf gedreht. Für immer zu Ende, nie mehr wie früher! Es war, als ginge heute seine Kindheit zu Ende. Dreizehn Jahre war er jetzt alt, kein Kind mehr, doch noch lange kein Erwachsener. Aber seit heute gab es kein Zurück mehr. Exakt an diesem Nachmittag, in diesen Minuten, in dem Moment, als Paps zum letzten Mal die Wohnung betrat, war Moritz kein Kind mehr und alle Brücken waren abgebrochen. Für immer zu Ende, nie mehr wie früher!
Moritz war die Treppen ebenso schnell wie geräuschlos hinuntergejagt.

Dieses Mal hatte er auf das übliche „Treppenspiel“ verzichtet, das er und seine Schwester sonst nie ausließen, wenn sie aus dem Haus gingen. Beim „Treppenspiel“ ging es darum, mit möglichst wenigen Schritten vom dritten Stock, wo sie wohnten, ins Erdgeschoss zu kommen. Dazu hielt man sich am Geländer fest und nahm so viele Stufen auf einmal, wie man nur konnte. Moritz’ Rekord lag bei zwölf Sprüngen. Doch heute schlich Moritz das Treppenhaus wie ein Dieb hinunter: auf Zehenspitzen, mit angehaltenem Atem.

Unten angekommen hatte Moritz sein Kickboard aufgeklappt. Und los! Über Bürgersteige und Straßen, Kantsteine hoch und runter, links und rechts. Fußgänger sprangen erschrocken zur Seite und riefen ihm wütende Worte hinterher.

Moritz fuhr schon eine Weile. Er wollte, dass es zu Hause keinen Streit mehr gab. Er wollte, dass sein Vater wieder mit ihnen zusammen lebte. Beides gleichzeitig war unmöglich. Mam hatte es so oft zu erklären versucht. Aber er hatte es nicht begriffen. Er konnte es nicht begreifen, wollte es gar nicht. Er wollte nur, dass ihre Wohnung wieder ein Zuhause war. Die Wohnung hatte sich verändert, seit Paps nicht mehr mit ihnen lebte. Es war noch das alte Haus, dieselben Wände, Fenster und Zimmer. Die Möbel und Geräte standen noch an ihrem gewohnten Platz. Dennoch war nichts mehr wie früher. Etwas fehlte. Die Wohnung sah anders aus - dunkel, farblos. Sie klang anders – hohl, leer. Sie roch sogar anders – dumpf, muffig.

Das war nicht mehr sein Zuhause. Die fremd gewordene Wohnung war nicht zum Aushalten. Selbst in seinem eigenen Zimmer, nicht mal in seinem Bett konnte er länger bleiben als unbedingt nötig. Kaum nach der Schule zu Hause, hatte er schon das unbändige Verlangen, wieder hinaus zu laufen. Das Kickboard, das er zu Weihnachten bekommen hatte, war sein größter Schatz. Es brachte ihn weg von der Wohnung, dem Haus.
Moritz fuhr einfach ziellos durch die Nachbarschaft. Die Straße hinunter, am Supermarkt vorbei, an der Schule, am Bolzplatz, vorbei an den Häusern, in denen Freunde und Mitschüler wohnten.

Moritz wollte niemanden sehen, in kein bekanntes Gesicht schauen, nicht grüßen, auf keine Frage antworten, nichts erzählen, wofür ihm die Worte fehlten, nichts erklären, was er selbst nicht verstand. Er wollte nichts hören, was ihm doch nicht helfen konnte, keine aufmunternden Worte, keinen Trost, vor allem keine Ratschläge. Nichts hören, nichts sagen. Nur allein sein, niemanden kennen.

Vor allem nicht reden. Denn es hatte wieder angefangen. Es, das er schon ganz vergessen hatte. Plötzlich war es wieder da. Ohne Vorwarnung, mitten in der Deutschstunde vor drei Wochen. Seitdem war es immer wieder gekommen, hatte ihn gepackt, ihm die Brust verkrampft, den Atem genommen, die Kehle zugeschnürt, die Kontrolle über Zunge und Lippen genommen.

Er war sieben gewesen, als es das erste Mal gekommen war. Der Arzt hatte seiner Mutter erklärt, dass Moritz „poltere“. Nein, kein Stottern, bei dem man an einem einzelnen Konsonanten festhänge. Stottern sei wahrscheinlich genetisch bedingt, eine Erbanlage, darum sehr viel schwerer zu behandeln. Beim Poltern gebe es weitaus bessere Heilungschancen. Poltern habe seelische Gründe. Die letzte Zeit habe den Jungen wohl überfordert. Es sei alles ein wenig zu viel gewesen: Geburt der Schwester, Schulanfang.

Dabei hatte Moritz sich beides so sehr gewünscht: eine Schwester und endlich in die Schule gehen. Da seien ja auch die häufigen Dienstreisen des Vaters. Man dürfe sich also nicht wundern, wenn ein sensibler Junge so reagiere. Hatte der Arzt gesagt.
Natürlich hatten die Erklärungen Moritz nicht geholfen, wenn es passierte. Doch irgendwann hatte es sich von selbst gelegt, er konnte wieder ruhig und normal sprechen, war einfach wieder gesund geworden.

Aber jetzt war es zurück, viel stärker als damals. Plötzlich, mitten in der Deutschstunde, als er gerade etwas sagen wollte. Er bekam kein Wort heraus, nur immer wieder diese krampfhaft gepolterte Silbe „tatatatatat“. Als würde er eine Treppe hinunterfallen, „tatatatatat“. Als hätte ihm jemand von hinten die Beine weggeschlagen, „tatatatatat“. Kein Geländer, seine Hände griffen ins Leere und er fiel Stufe um Stufe, immer schneller, immer tiefer, fiel und fiel, „tatatatatat“. Er wusste nicht, warum. Er wusste nicht, was tun. Niemand fing ihn auf, „tatatatatat“.

Das falsche Sprechen bereitete ihm Schmerzen wie ein echter Sturz. Wenn es über ihn kam, wurde ihm heiß und er zuckte, der Kopf glühte rot. Er war gelähmt, starr vor Schreck. Zum Glück dauerte es nie lange. Nach einer halben Minute war es vorbei. Er hätte seinen Satz zu Ende sagen können. Aber die Lust war ihm vergangen. Er hatte dagestanden wie ein Baby, unfähig, ein schlichtes Wort herauszubringen. Lange musste er warten, bis die Spannung und die Scham ihn verließen.

Seit jener Deutschstunde kam es immer wieder. Er konnte nicht vorhersagen, wann. Zwei, drei Tage vergingen, an denen er ohne jede Stockung in freiem Fluss sprach. Dann, plötzlich und überraschend, begann es von neuem und warf ihn aus der Bahn: „Bababababab.“ Mitten in einem Gespräch mit seinen Freunden, am Telefon, beim Frühstück mit Anna und Mam, in der Schule, „bababababab“. Nichts ging mehr. Er hing fest. Er kam nicht heraus aus dem Poltern, „bababababab“.

Der einzige Ausweg: gar nicht mehr sprechen, nicht mit den Freunden, die peinlich zur Seite schauten, nicht mit den anderen in seiner Klasse, die plötzlich still wurden, ihn anstarrten oder kicherten. Nicht dass sie ihn offen geärgert hätten, aber die sprachlose Stille um ihn herum war genauso schlimm. Am besten also nichts mehr sagen, den Lehrern nicht antworten, die zwischen Mitleid und Ungeduld hin und her schwankten; Mam aus dem Weg gehen, die ihn mit ihrem sorgenvollen Blick quälte. Keiner konnte ihm helfen.

Nur manchmal bei Anna ging es ihm besser, weil sie ihn einfach ansah und wartete, bis es vorbei war. Vor ihr brauchte er sich nie zu schämen. Aber wirklich gut fühlte er sich nur auf seinem Kickboard. Wenn er durch die Gegend fuhr, lichteten sich die dunklen Gedankenwolken. Dann atmete er frei.

Am liebsten wäre er ganz und gar weggelaufen. Wenn nur Anna nicht gewesen wäre. Die könnte er nie zurücklassen. Und wenn er nicht selbst nur ein dreizehnjähriger Junge gewesen wäre.

 

2. Kapitel

 

Auf seinem Kickboard vergaß Moritz die Zeit. Wie lange war er schon unterwegs? Eine halbe Stunde oder schon zwei Stunden? Er trug keine Uhr, er fühlte keine Müdigkeit, keinen Hunger, keinen Durst.

Plötzlich fing es an zu regnen. Ein harter, kalter Märzregen. Aus übervollen schwarzen Wolken fielen dicke Tropfen herab. Dazu ein scharfer Wind. Der weckte Moritz. Jetzt erst fiel ihm auf, dass er nur seinen dicken Pullover trug, weder Mütze noch Jacke. Der Regen wurde stärker. Schwere, runde Tropfen trafen ihn an Kopf und Schultern. Ratlos fuhr er weiter.

Er suchte einen Unterschlupf. Aber als er sich umsah, merkte er, dass er hier noch nie gewesen war. Er fuhr an Häusern vorbei, in denen niemand wohnte, den er kannte, an fremden Geschäften, in denen er noch nie einkaufen war. Auch hatte er keinen Cent dabei. Das Portemonnaie steckte in seiner Jackentasche und die hing zu Hause an der Garderobe.

Eine Turmuhr schlug, fünfmal - merkwürdig leicht und hell. Ihr Klang passte nicht zu dem dunklen, unfreundlichen Wetter. Eine Kirche. Auch die hatte Moritz noch nie gesehen. Ein altes, mächtiges Gebäude mit einem hohen, massiven Turm, der nach oben zu immer schlanker und feiner wurde.

Die Kirche sah aus wie ein umgekipptes Schiff, wie eine altertümliche Kogge, die man an Land gezogen und kieloben gelegt hatte. Wind und Wetter mussten Jahrhunderte an der Kirche gearbeitet haben. Keiner der roten Backsteine saß mehr exakt auf dem andern. Die Mauern abgesackt und verschoben. Krumm und schief standen sie da. Auch Dach und Fenster verzogen. Man sah der Kirche ihr Alter an. Trotzdem wirkte sie nicht baufällig. Kein Sturm würde sie so leicht umwerfen können. Sie strahlte Ruhe aus.

Moritz sah, dass die große Eingangstür am Fuß des Turms offen stand. Der Regen wurde heftiger, der Wind lauter. Moritz fuhr in die Kirche, weil er fror, weil er Schutz suchte, weil er neugierig war.