• 28. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 2. Folge

Er rollte durch einen hohen, kalten Vorraum. Er stieß eine dicke, schwere Zwischentür aus Holz und Glas auf und gelangte in den Kirchraum. Hier war es dunkel. Durch die riesigen bunten Glasfenster kam nur wenig Licht. Moritz musste sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Und an die Luft, die eigentümlich roch - feucht, kühl und alt, aber nicht unangenehm.

Die Kirche war anders als die, die es in seiner Nachbarschaft gab. Zwei, drei Jahre musste es her sein, dass er mit seinen Eltern dort hatte hingehen müssen, weil Anna mit ihrer Kindergartengruppe etwas vorsingen sollte. Die Kirche war wie eine Schulaula oder eine bestuhlte Turnhalle gewesen: ein kahles weißes Gebäude, ein nackter Kirchraum, der nur aus leeren Wänden zu bestehen schien. Alles gerade und eckig. Nichts, was man hätte anschauen mögen.

Aber hier gab es viel zu schauen. Moritz wusste nicht, womit er diese Kirche vergleichen sollte. Sie war nicht wie die Gebäude, die er sonst kannte: die Wohnhäuser, Schulen und Geschäfte. Er fuhr durch den Kirchraum wie durch eine andere Welt.

Still war es hier, sonderbar still. Die Geräusche der Straße waren draußen vor der Tür geblieben. Nur ein fernes Rauschen drang herein - wie von Wellen am Meer. Dazu das leise, gleichmäßige Trommeln des Regens auf Dach und Fenstern. Alles, was draußen war, schien unendlich weit weg.

Moritz hörte seinen Atem, der schnell ging, genau wie sein Herz. Er merkte jetzt, wie lange er herumgefahren war.

Er war allein. Moritz atmete auf. Er hatte einen trockenen, sicheren Ort gefunden.
Wie groß die Kirche war! Er musste den Kopf ganz nach hinten legen, um die hohe Decke zu sehen. Da hingen kleine goldene Sterne in den Kuppeln. Weit weg und doch zum Greifen nah. Mächtige, massige Säulen trugen die Decke. Sie waren ebenso wie die Wände aus rotem Backstein, der warm und dunkel leuchtete.

Die Kirche war so groß, dass Moritz sich vor den gewaltigen Säulen und Mauern wie eine Ameise vorkam. Die Decke so hoch, so unerreichbar über ihm wie der Nachthimmel. Trotzdem fühlte sich Moritz nicht eingeschüchtert oder erdrückt.

Langsam fuhr er über den Boden aus dicken, langen Steinplatten. Das Kickboard ruckelte. Er wurde müde und setzte sich auf eine Bank, ganz an den Rand. Die Bank knarrte, als er sich hinsetzte. Moritz schaute sich die Glasfenster an. Viel konnte er nicht erkennen. Er entdeckte keine klaren Bilder, die er verstanden hätte. Die Glasfenster waren modern und abstrakt. Moritz gefielen einige der Farben: das dunkle Blau, das bei diesem schlechten Wetter fast schwarz wirkte, das tiefe Rot, das trotz der Dunkelheit zu glühen schien. Hier herrschte ein anderes Licht. Alles war in dunkel leuchtende Farben gehüllt. Alles, was von außen kam, wurde durch sie gefiltert und gebrochen. Die Farben erschienen ihm fast wie ein Schutz.
Moritz horchte in die Stille. Er spürte, wie sich seine Aufregung allmählich legte. Dafür kam eine große Erschöpfung über ihn. Am liebsten hätte er sich auf die Bank gelegt und wäre eingeschlafen. Doch die Fahrerei hatte ihn ins Schwitzen gebracht.

Er begann zu frösteln. Ich muss mich bewegen, sagte er sich, stellte sich wieder auf sein Board und rollte langsam durch die Kirche. Er machte eine große Runde - vorbei an den vielen leeren Bänken. Er fuhr zwischen den Säulen hindurch, die ihm vorkamen wie Riesen aus einer längst versunkenen Märchenwelt, vorbei an dunklen Bildern in goldenen Rahmen, an Statuen und Figuren, die er nicht kannte.

In einem Winkel entdeckte er einen breiten gusseisernen Kerzenständer vor einem großen goldenen Relief. Einige heruntergebrannte Kerzen flackerten und zischten leise. Unter dem Ständer war ein Kasten, der dünne weiße Kerzen enthielt. Darauf stand ein Schild: „Entzünden Sie eine Kerze für jede Bitte.“ Moritz blieb stehen und überlegte. Dann nahm er vier Kerzen aus dem Kasten: eine für Anna, eine für Paps, eine für Mam und eine für sich. Er zündete sie an und setzte sie vorsichtig auf den Kerzenständer. Schön sahen sie aus, wie sie da nebeneinander standen und gemeinsam brannten, friedlich und versöhnlich. Moritz starrte eine ganze Weile in die vier Flammen. Nur vier kleine Kerzen, trotzdem erhellten sie einen weiten Raum. Sie tauchten Moritz und alles, was um ihn herum war, in ein warmes, gutes Licht. Moritz sah in die vier Flammen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken. Er ließ sie einfach brennen: für sich, für Anna und für seine Eltern. Jetzt fror er nicht mehr.

Es verstrich einige Zeit. Dann veränderte sich auf einmal das Licht. Es wurde heller in der Kirche. Aus einem hohen Fenster fiel ein kräftiger grüner Lichtfleck direkt vor Moritz’ Füße. Der weckte ihn aus seiner Stille. Draußen hatte es aufgehört zu regnen und die Sonne war wieder hervorgekommen.

Bestimmt hatte Paps inzwischen die Wohnung geräumt und war wieder fort. Moritz musste nach Hause. Es würde sonst endlose Diskussionen geben. Außerdem meldete sich sein Magen. Er hatte Hunger.

Gerade wollte er um die große Säule herumfahren, da stand auf einmal eine alte Frau mit einem Gehwagen vor ihm. Moritz erschrak. Sie wären zusammengestoßen, wenn Moritz nicht im letzten Moment den Lenker herumgerissen hätte. Er verlor das Gleichgewicht, stolperte vom Kickboard. Auch die alte Frau zuckte ungeschickt zurück.

„Junge! Hier fährt man doch nicht Roller!“, rief sie erschrocken.

Sie sagte es nicht böse oder scharf, trotzdem ärgerte sich Moritz. Dass man nirgends ungestört und für sich sein konnte! Er war sich so sicher gewesen, allein zu sein. Jetzt fühlte er sich ertappt.

„Das ist kein Roller. Das ist ein Kickboard“, gab er patzig zurück.

Die Alte kam einen Schritt näher. Sie hatte sich schon wieder beruhigt.

„Oh, entschuldige bitte. Ich hatte gedacht, dass ich hier ganz allein bin. Du hast mich erschreckt!“

Sie kam noch einen Schritt näher und beugte sich vor, um das Board anzuschauen, das Moritz vom Boden hob.

„Tatsächlich, das sieht anders aus als die Roller, die wir als Kinder hatten. Na, nichts für ungut! Ich rollere ja auch mit meinem Gehwagen durch die Kirche.“
Sie blickte ihn an, als wolle sie sich mit ihm ein wenig unterhalten. Dazu hatte Moritz keine Lust. Ohne ein Wort zu sagen, lenkte er sein Kickboard um die Frau und ihren Gehwagen herum und wollte sich gerade davonmachen, da rief sie ihm nach: „Du hast die Kerzen noch nicht bezahlt.“

Moritz hielt an und drehte sich verdutzt um. Was war los?

„Hast du nicht gelesen, was auf dem Schild steht?“

Eigentlich hätte Moritz jetzt wütend werden müssen. Normalerweise hätte er der Alten eine bissige Antwort gegeben. Aber irgendetwas hielt ihn zurück. Es war nicht die Angst, dass er poltern und sich lächerlich machen würde. Daran dachte er im Moment gar nicht. Es war etwas anderes, etwas, das er noch nicht verstand. Er merkte nur, dass er höflich blieb und zurückging, um sich das Schild am Kerzenständer anzusehen.
Groß stand da: „Entzünden Sie eine Kerze für jede Bitte.“ Und in kleinen Buchstaben darunter: „Bitte geben Sie für jede Kerze fünfzig Cent.“

Er wurde rot. „Aber ich hab kein Geld dabei.“

Die Alte sah ihm durch ihre dicken Brillengläser ins Gesicht und lächelte.
„Macht nichts. Weißt du was? Ich bezahl die Kerzen für dich. So viel Kleingeld habe ich gerade noch.“

Jetzt wurde es peinlich. Dass die Alte nicht locker ließ! Dass sie ihn nicht gehen ließ! Noch dazu mit einer Freundlichkeit, mit der er nichts anzufangen wusste. Er brauchte ihre Freundlichkeit nicht, nicht ihr Lächeln, schon gar nicht ihr Geld. Er wollte nicht, dass sie ihm aushalf.

„Nein, das brauchen Sie nicht!“

Aber sie zückte in aller Ruhe ein Portemonnaie, kramte zwei Euro hervor und steckte sie in den Kasten. Moritz wusste nicht, ob er sich ärgern oder schämen sollte.
„Ich gebe es Ihnen wieder.“

Seine Stimme klang grob.

Die Alte schien es nicht zu merken und lächelte ihn an.

„Sie kriegen das Geld zurück. Morgen!“

Moritz wandte sich ab. Er wollte so schnell wie möglich weg. Wieder fuhr er los, wieder kam er nur ein paar Meter weit. Dann fiel ihm ein, dass er gar nicht wusste, wo sie wohnte.

„Wohnen Sie hier?“, rief er zurück.

„Nein, doch nicht in der Kiche. Ich habe ein Zimmer im Altenheim hinter dem Kirchplatz. Erster Stock. Zimmer 115. Du kannst mich ja mal besuchen.“
„Und wie heißen Sie?“

„Elisabeth Schmidt. Und du? Hast du auch einen Namen?“

„Moritz.“

„Auf Wiedersehen, Moritz.“

Aber Moritz war schon am Ausgang.

 

3. Kapitel

 

Moritz ging die alte Frau nicht aus dem Kopf. Irgendwie erinnerte sie ihn an - er wusste es nicht. Während er nach Hause fuhr, grübelte er darüber nach. Dass es ihm nicht einfiel, machte ihn nervös. Es war wie ein leichter Schmerz, den man nicht orten kann, wie eine juckende Stelle, die man nicht erreicht, wie ein Geschmack auf der Zunge, den man nicht bestimmen kann. An der alten Frau war nichts Auffälliges gewesen. Eine alte Frau eben: graue Haare, gebeugte Haltung, unscheinbare Kleidung, hellbrauner Mantel, helle, feste Schuhe, ein Gehwagen. Doch in ihrem Gesicht, in ihren Augen lag etwas, das ihm bekannt vorkam, vertraut, aber in seinem Gedächtnis verschüttet.

Er rollte langsamer, gleichmäßiger stieß er sich vom Boden ab, dabei legte er vor seinem inneren Auge dieses Gesicht auseinander und setzte es Stück für Stück wieder zusammen. Allmählich entstand ein Bild, es bildete sich etwas, das er gut kannte. Fast erschrak er, dass er es hatte vergessen können. Es waren die Augen seiner Großmutter: der kleinen Oma.

An ihr Lächeln, an ihre Augen, an die Art, wie sie ihn immer angesehen hatte, erinnerte ihn die fremde Frau in der Kirche. Dabei musste sie deutlich älter sein als die kleine Oma. Auch hatte sie ein ganz anderes Gesicht. Aber der Blick war der gleiche. Merkwürdig, dass zwei Menschen, ein lebender und ein toter, sich darin so ähnlich sein konnten.

Merkwürdig auch, dass er seine kleine Oma so völlig vergessen hatte. Drei Jahre war sie erst tot und er lebte, als hätte es sie nie gegeben.
Er war immer gern bei ihr gewesen. So winzig die Zimmer in ihrer Wohnung waren, so unendlich viel gab es bei ihr für ein Kind zu entdecken. Überall standen seltsame Dinge herum, die man anfassen, drehen und wenden musste, weil sie eine lange Geschichte besaßen: tausend Kasten und Kästen mit alten Münzen, Medaillen, Briefmarken, Fotos und Postkarten.