• 27. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 3. Folge

So winzig die Zimmer in Großmutters Wohnung waren, so unendlich viel gab es bei ihr für ein Kind zu entdecken. Überall standen seltsame Dinge herum, die man anfassen, drehen und wenden musste, weil sie eine lange Geschichte besaßen: tausend Kasten und Kästen mit alten Münzen, Medaillen, Briefmarken, Fotos und Postkarten, lange Pfeifen der Urgroßväter aus Elfenbein, schwere Glaskugeln mit bunten Figuren, tausend Sachen, die jede für sich ein Geheimnis enthielten. An allen Wänden hingen Bilder, die sich Moritz lange anschaute. Und es gab Kisten mit uralten Bilderbüchern und Spielsachen, mit denen schon sein Vater gespielt hatte. An all das erinnerte sich Moritz jetzt wieder - und an die Augen der kleinen Oma, ihre kleinen, blitzenden Augen.

Moritz war an seiner Haustür angekommen. Er schloss auf, klappte das Kickboard zusammen und ging müde die Treppe hinauf. Er wusste, dass er am nächsten Tag ein Versprechen einlösen würde.

Am folgenden Nachmittag erledigte Moritz seine Hausaufgaben noch hastiger als sonst. Er wollte los. Zielstrebig fuhr er zur alten Kirche. Diesmal kam ihm die Fahrt überraschend kurz vor.

Das Altenheim war leicht zu finden. Es lag gleich hinter der Kirche: ein großes, vierstöckiges Gebäude aus hellem rotem Backstein. Vor dem Eingang wurde Moritz auf einmal mulmig. Er kannte Altenheime nur aus dem Fernsehen. Aber er gab sich einen Ruck.

Eine erste Schiebetür öffnete sich. Moritz fuhr in einen Windfang. Gleich hinter der Tür saß eine Frau im Rollstuhl.

„Guten Tag“, sagte die Frau, ohne ihn anzuschauen.

„Guten Tag“, antwortete Moritz. „Wo finde ich denn Zimmer 115?“

„Guten Tag“, sagte die Frau.

Moritz stutzte.

„Ich will zu Frau Schmidt. Wissen Sie, wo ihr Zimmer ist?“

„Guten Tag“, sagte die Frau. Sie sah ihn immer noch nicht an.

Moritz zögerte einen Moment. Dann sagte er selber noch mal: „Guten Tag“, und rollte durch eine zweite Schiebetür in einen langen Flur. Hinter seinem Rücken sagte die Frau im Rollstuhl ein letztes leises: „Guten Tag“ - wie ein fernes Echo.

Im Flur roch es nach Krankenhaus, frisch gebohnerten Böden und Desinfektionsmitteln. Daran änderten auch die beiden großen, vertrockneten Blumensträuße nichts, die in hohen Vasen neben dem Eingang standen.

Links entdeckte Moritz das Treppenhaus. Er klemmte sich sein Board unter den Arm und ging hinauf. Um in den ersten Stock zu kommen, musste er eine kleine Gittertür öffnen. „Fast wie bei Anna“, wunderte er sich. Als seine Schwester noch kleiner gewesen war, hatten seine Eltern eine ähnliche Sicherung vor der Treppe angebracht.
Er ließ die Gittertür hinter sich zufallen. Rechts sah er einen großen Saal. An vielen kleinen Tischen saßen alte Frauen, die meisten in Rollstühlen. Viele ganz in sich zusammengesunken. Manche schliefen. Einige murmelten, summten, husteten oder scharrten mit den Füßen. Andere nuckelten ungeschickt an ihren Schnabeltassen. An einer Wand hing ein Fernseher. Eine Nachmittags-Talkshow lief. An der anderen Wand plärrte ein Radio deutsche Schlager. Eine Frau schrie und stöhnte. Eine andere hatte sich mit ihrem Gehwagen zwischen zwei Stühlen verhakt. „Schwester!“, rief sie. „Schwester!“

Moritz sah und hörte das alles, es machte ihn nervös. Er fuhr einen breiten Flur entlang. Plötzlich kam aus einem Zimmer eine dicke Schwester.

„He, hier ist Rollerfahren verboten!“

„Das ist kein Roller, sondern ein Kickboard“, antwortete Moritz. Er hielt an. „Ich will zu Frau Schmidt, Zimmer 115. Wo ist das?“

„Du willst Frau Schmidt besuchen?“ Die dicke Schwester wurde freundlich. „Das wird sie freuen. Ihr Zimmer ist ganz am Ende des Flurs. Aber fahr langsam mit deinem Roller.“

„Kickboard“, verbesserte Moritz und fuhr weiter.

„Das ist aber eine Überraschung!“, begrüßte ihn Frau Schmidt.

„Wieso Überraschung? Ich hab doch gesagt, ich komme. Ich muss Ihnen ja die zwei Euro wiedergeben.“

„Ach ja“, antwortete Frau Schmidt, „die hätte ich fast vergessen. Schön, dass du da bist. Und was für eine schicke Frisur du hast!“
Moritz hatte sich seine braunen Haare am Morgen mit Gel hochgekämmt. Wie ein Stecknadelheer zeigten die Haare nach oben. Verlegen strich er sich über den Kopf.

„Hier also wohne ich“, sagte Frau Schmidt, richtete sich in ihrem Sessel auf und zeigte ihm mit einer weiten Handbewegung das kleine Zimmer. Sie saß vor dem Fenster auf einem Sessel, vor sich ein kleines Tischchen, neben sich ein Krankenhausbett. An der anderen Wand stand ein zweites Bett. Darin lag eine Frau. Sie war so fest zugedeckt, dass nur ihr Kopf unter der Bettdecke herausschaute. Ihre Augen waren geschlossen, der Mund stand weit offen.

„Das ist meine Zimmernachbarin, Frau Sperling. Geh ruhig zu ihr und sag ihr Guten Tag.“

„Aber sie schläft doch.“

„Sie hat nur die Augen geschlossen. Wenn sie schläft, schnarcht sie.“
Moritz ging zum anderen Bett. „Guten Tag“, sagte er zögernd.

Frau Sperling öffnete langsam die Augen und schloss den zahnlosen Mund. Sie sah uralt aus. „Guten Tag, mein Junge“, antwortete sie kaum hörbar und schloss die Augen wieder.

„Komm“, sagte Frau Schmidt, „setz dich auf mein Bett. Ich habe leider keinen zweiten Stuhl.“

„Warum hat sie denn die Augen zu, wenn sie gar nicht schlafen will?“

„Frau Sperling ist sehr alt, noch älter als ich. Fast hundert Jahre. Und sehr müde. Was soll sie sich immer nur die Zimmerdecke anschauen? Aufstehen kann sie schon lange nicht mehr. Aber wenn sie die Augen schließt, kann sie besser an früher denken und in ihren Erinnerungen spazieren gehen.“

„Spazieren gehen?“ Moritz fand diesen Ausdruck komisch.

„Ja, wie in einem alten, vertrauten Garten. Erinnerungen sind das Letzte, was uns hier geblieben ist.“

Frau Schmidt machte eine kurze Pause.

„Wir beide kommen ganz gut miteinander aus. Nur dass ich mich nicht mit ihr unterhalten kann, ist wirklich schade. Da lebt man zusammen in einem Zimmer und kann gar nichts miteinander anfangen. Das ist ein bisschen traurig.“

Frau Schmidt nahm einen Schluck Tee aus einem Plastikbecher.

„Wie hat dir unsere Kirche gefallen?“

„Die muss uralt sein. Ich war noch nie in so einer alten Kirche.“

„Ich mag alte Sachen und alte Gebäude. Alte Kirchen mag ich besonders. Vielleicht weil ich selbst so alt bin.“

„Wie alt sind Sie denn?“

„Wie alt bist du?“, fragte Frau Schmidt zurück.

„Dreizehn.“

„Dann bin ich“, sie rechnete einen Moment, „genau siebenmal so alt wie du.“
Moritz überlegte. Er war ziemlich schlecht im Kopfrechnen.

„91!“, half ihm Frau Schmidt.

„Das ist wirklich alt“, entfuhr es Moritz. Sofort verbesserte er sich: „Entschuldigung, so habe ich das nicht gemeint.“

„Macht nichts. Ich hätte mir das auch nicht träumen lassen, dass ich mal so alt werde. Manchmal wundere ich mich selbst, dass es mich noch gibt. Aber alte Gebäude und alte Sachen, die haben etwas Besonderes. Früher, in meiner Wohnung, hatte ich viele alte Möbel, Bilder, Erinnerungsstücke und Bücher. Als ich hierher kam, musste ich fast alles zurücklassen. Dafür sei hier kein Platz, hat man mir gesagt. Ich weiß ja: Man soll sein Herz nicht an Dinge hängen. Aber es tut doch weh, weil so viel von meinem Leben an ihnen hing.“

„Haben Sie gar nichts mehr von früher?“, fragte Moritz.

„O doch“, antwortete Frau Schmidt. „Und daran freue ich mich ganz besonders. Das eine ist das Bild, das über deinem Kopf hängt. Es ist das Erbstück einer Großtante.“

Moritz drehte sich um und sah sich das kleine Ölbild an: eine Nachtlandschaft, ein ruhiger See, von Bäumen eingefasst, alles lag still und dunkel da, nur über das Wasser lief ein silberner Mondstrahl.

„So ein Bild hatte meine Großmutter auch. Bei ihr gab es im Wohnzimmer eine ganze Wand mit Bildern. Die meisten hatte mein Urgroßvater gemalt. Eines davon sah ganz ähnlich aus. Aber es zeigte keinen See, sondern einen Vulkan im Mondlicht. Gleich daneben, das weiß ich noch, hing ein gleich großes Bild, das denselben Vulkan am Tag zeigte. Gerade als er ausbricht und Lava in den Himmel schleudert. Als kleines Kind habe ich mich vor dem Bild immer gegruselt. Ich weiß gar nicht, was nach dem Tod meiner Großmutter aus den Bildern geworden ist.“

„Wann ist deine Großmutter denn gestorben?“
Vor drei Jahren.“

„Ist sie alt geworden?“
Moritz musste einen Moment nachdenken. „Ihr genaues Alter weiß ich gar nicht. Obwohl, ihren 70. Geburtstag haben wir noch gefeiert. Daran erinnere ich mich. Bald danach war sie tot.“

Frau Schmidt rechnete wieder. „Dann war sie wohl Jahrgang ‘29 oder ‘30. Da hätte ich fast ihre Mutter oder Tante sein können. Hast du sie gern gehabt?“

„Schon, sehr.“ Moritz räusperte sich und wechselte das Thema. „Wenn ich nur wüsste, wo die Bilder geblieben sind.“

„Hängen sie nicht bei euch zu Hause?“
Moritz schüttelte den Kopf.

„Was ist denn bei euch der älteste Gegenstand?“
Moritz zuckte die Schultern.

„Bei uns ist fast alles neu.“

Frau Schmidt beugte sich zurück und holte mit beiden Händen ein altes, großes Buch vor, das auf dem Tisch hinter einer Vase gelegen hatte.

„Das zweite, was ich gerettet habe, ist meine Familienbibel. Du kannst sie dir ruhig ansehen.“

Moritz nahm die Bibel in die Hand. Sie wog schwer. Der Einband aus schwarzem Leder löste sich an den Rändern schon auf. Das alte Leder war rissig und porös. Auf dem Deckel war in goldenen Buchstaben „Die Heilige Schrift“ eingeprägt.

„Wie alt ist die?“, fragte Moritz.

„Fast zweihundert Jahre. Sie hat die ganze Geschichte meiner Familie begleitet. Mein Ururururgroßvater hat sie gekauft. Schlag mal auf. Auf den ersten Seiten kannst du lauter handschriftliche Einträge sehen.“

„Was ist denn das für eine Schrift? Das kann ja kein Mensch lesen.“

„Das ist Sütterlin, die alte deutsche Handschrift. Ich les es dir vor. Es beginnt mit einem Vers: ‘Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.’ Und dann folgen viele Familiennachrichten. Wann welches Kind geboren und getauft wurde, wer die Paten waren, wann Konfirmation gefeiert und geheiratet wurde. Und die Todesfälle stehen auch da.“Frau Schmidt blätterte etwas vor.