• 26. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 4. Folge

Hier, das sind sehr traurige Seiten. Der Erste Weltkrieg - ein Mann nach dem andern ist gefallen, die Väter, die Ehemänner und Brüder.“ Sie blätterte etwas zurück.

„Und hier stehe ich: ›Am 24. März 1910 wurde uns eine gesunde Tochter geboren. Sie wurde getauft von Pastor Schomerus am 14. April und erhielt den Namen Elisabeth Margot Julie Gruber. Ihre Gevattern waren die Tante Marie Mestern, geborene Baasch, und die Großmutter Elisabeth Dose, geborene Brandt. ›Meine Zeit steht in deinen Händen. (Psalm 31, 16)‹.“

Frau Schmidt blätterte die Bibel weiter auf.

„Kannst du die alte Frakturschrift lesen?“
Moritz beugte sich über die leicht vergilbten Seiten, kniff die Augen zu, aber er konnte nichts entziffern.

„Ist so eine alte Bibel viel wert?“, fragte er.

„In Geld fast nichts. Aber für mich ist sie unbezahlbar. Das ganze Leben begleitet sie mich schon. Die Geschichte meiner Familie steht darin. Sie ist das Einzige, was ich auf der Flucht gerettet habe.“

„Auf welcher Flucht?“

„Wir mussten fliehen, am Ende des Zweiten Weltkriegs. Unsere Heimat war weit im Osten, in Ostpreußen. Als die Russen kamen, mussten wir fort. Es war Winter und wir konnten nur mitnehmen, was wir am Körper trugen. Wir zogen zusammen los, meine Mutter, meine ältere Schwester, ihre Kinder und ich. Die Männer waren im Krieg. Wochenlang durch die Kälte, meistens zu Fuß und mit Handwagen. Ich schob einen Kinderwagen. Da lag mein kleiner Neffe drin. Dem habe ich die Familienbibel in sein Körbchen unter die Decke gelegt. So habe ich sie gerettet.“
„Haben Sie keine eigenen Kinder?“

„Nein, Kinder habe ich nicht. Ich hatte spät geheiratet, 1939, da kam schon der Krieg und mein Mann wurde sofort eingezogen. Er ist gleich in den ersten Tagen gefallen. Es ging alles so schnell.“

„Aber nach dem Krieg hätten Sie doch wieder heiraten können.“

„Nach dem Krieg gab es kaum noch Männer. Da bin ich allein geblieben.“

Frau Schmidt räusperte sich und wechselte das Thema: „Und ihr, habt ihr keine Bibel zu Hause?“

Moritz musste an die Bücher seines Vaters denken, die seit gestern nicht mehr da waren, und an die leeren Regale im Wohnzimmer. Er schüttelte den Kopf und versuchte über etwas anderes zu reden.

„Haben Sie Ihre Bibel von vorn bis hinten durchgelesen?“

„Nein, von der ersten bis zur letzten Seite nicht. Aber ich kenne sehr viele Geschichten.“

„Und wovon handeln die?“

„Hast du das nicht im Religionsunterricht gelernt?“

„Haben wir nicht.“

Frau Schmidt wunderte sich: „Für mich war der Religionsunterricht das schönste Fach. In der Volksschule hatten wir einen alten Lehrer, der sagte immer: ›Ohne den Glauben wärt ihr wie das liebe Vieh.‹ Wir haben darüber gelacht. Aber ganz Unrecht hatte er nicht. Wir sind auf dem Land wirklich wie das wilde Vieh aufgewachsen. Ohne Schuhe und Strümpfe sind wir im Sommer zur Schule gegangen. Und nach der Schule mussten wir oft die Kühe, Hühner und Schweine versorgen. ›Ohne den Glauben wärt ihr wie das liebe Vieh.‹ Er hat uns viel beigebracht, viele Sprüche und viele Lieder. Und Geschichten hat er uns erzählt. Davon konnten wir damals nicht genug bekommen. So etwas gibt es bei dir auf der Schule wohl nicht?“

Moritz hatte keine Lust, über die Schule zu sprechen: „Und wozu braucht man eine Kirche?“

Frau Schmidt musste überlegen.

„Das ist eine gute Frage. Wozu braucht man eine Kirche? Man braucht sie, um an Gott zu denken. Natürlich kann man überall an Gott denken, zu Hause, auf der Straße, in der Schule, bei der Arbeit, selbst hier im Heim. Aber es ist gut, einen Ort zu haben, an dem man sich konzentrieren kann. Der ruhig ist, damit einen nichts ablenkt und man zu sich selbst kommt. Denn nur wenn man zu sich selbst kommt, kann man auch zu Gott kommen. Dafür gibt es die Kirche. Unsere Kirche hier ist so ein besonderer Ort. Manchmal, wenn ich allein dort sitze und alles so still ist, denke ich, sie ist ein Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren.“

Frau Schmidt trank noch einen Schluck Tee.

„Dazu gibt es eine Geschichte aus der Bibel. Für mich ist sie eine der schönsten überhaupt. Ich erzähl sie dir. Du hast doch noch Zeit?“

Moritz nickte.

„Die Geschichte erzählt von Jakob. Jakob lebte vor ewigen Zeiten in Israel. Er war ein junger Mann auf der Flucht. Er hatte seinen Vater betrogen und seinen großen Bruder bestohlen. Warum? Das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls, der Bruder war entsetzlich zornig und wollte sich rächen. Er hatte geschworen, Jakob zu töten. Schnell, ohne sich noch einmal umzusehen, musste Jakob alles zurücklassen: seine Familie, seine Freunde, sein Zuhause, sein Heimatland.

Ohne Ziel rennt er los. Von nun an ist er vogelfrei. Er gehört nirgends mehr hin. Jakob rennt. Er rennt den ganzen Tag, durch Steppe und Wüste. Nur weg von seinem zornigen Bruder! Er rennt hinein in die Nacht.

Kein Licht leuchtet, kein Mond, keine Sterne. Jakob sieht den Weg nicht mehr. Er ist erschöpft und müde. Er kann nicht mehr. Er will nur noch schlafen. Er legt sich auf den nackten Boden. Da er kein Kissen hat, legt er sich einen Stein unter den Kopf. So schläft er ein.

Er beginnt zu träumen. Im Traum sieht er eine große Leiter. Ihr Fuß steht gleich neben seinem Kopf. Die Leiter reicht hoch hinauf. Mit ihrer Spitze berührt sie die Tür des Himmels. Und die steht weit offen. Unten ist es finster. Aber oben ist alles hell erleuchtet. Engel kommen auf der Leiter herab. Andere Engel schweben die Leiter wieder hinauf. Und oben steht Gott.

Und Gott sagt im Traum zu Jakob: ›Ich bin der Gott deines Vaters und deines Großvaters. Hab keine Angst. Ich gehe mit dir deinen Weg. Wohin du auch gehst, ich bin bei dir. Du sollst nicht mehr lange herumirren, sondern eine neue Heimat finden, ein Zuhause für alle Zeit. Das Land, auf dem du jetzt liegst, will ich dir geben. Du sollst viele Kinder haben und mit ihnen hier, in deiner Heimat, leben. Jakob, ich will dich segnen und du sollst für andere ein Segen sein.‹

Da wacht Jakob aus seinem Traum auf. Es ist wieder finstere Nacht. Die Leiter ist verschwunden, der Himmel verschlossen. Kein Licht leuchtet mehr. Und Jakob fürchtet sich. Voller Schrecken ruft er in die Finsternis: ›Hier wohnt Gott und ich wusste es nicht! Hier ist Gottes Haus! Hier ist die Tür des Himmels!‹ Dann legt er sich wieder hin und fällt in einen traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen erhebt er sich früh, richtet den Stein auf, auf den er seinen Kopf gelegt hat, und macht daraus einen Altar. Und er schwört: ›Wenn ich wiederkomme, will ich hier ein Gotteshaus bauen.‹ Dann eilt er los in den Morgen hinein. Er hat jetzt keine Angst mehr.“

Moritz hatte ruhig dagesessen, aber richtig zugehört hatte er nicht. Denn die Geschichte und vor allem die Art, wie die alte Frau sie erzählte, hatten ihn an etwas erinnert: Wie er früher neben der kleinen Oma auf dem Sofa gesessen und sie ihm aus einer alten Kinderbibel vorgelesen hatte. Wahrscheinlich auch diese Geschichte, obwohl er sich nicht daran erinnern konnte. Aber er sah die Bilder wieder vor sich: grobe, einfach gemalte Figuren, die dennoch einen starken Ausdruck besaßen, dunkle, wie mit dicken Buntstiften gemalte Landschaften, die trotzdem leuchteten. Ihm kam sogar wieder ein Geschmack auf die Zunge: der Geschmack von Honigbrot. Wenn die kleine Oma vorlas, gab sie ihm immer einen Teller auf den Schoß. Und darauf lagen große Schnitten Honigbrot, dick mit Butter bestrichen. Der Geschmack und diese Erinnerungen taten ihm gut. Darum ließ er sich die Geschichte von Frau Schmidt gefallen, obwohl er eigentlich längst aus dem Alter heraus zu sein glaubte. Geschichtenerzählen - das war eher etwas für Anna.

Bei der kleinen Oma war es immer einen Tick zu warm gewesen. Sie hatte die Heizung voll aufgedreht, weil sie so leicht fror. Von der Wärme war er jedes Mal müde geworden. Manchmal war er mitten in einer Geschichte an der Seite der kleinen Oma eingeschlafen. Auch hier, im Zimmer von Frau Schmidt, war es zu warm. Moritz musste gähnen.

„Wer hat die Geschichte geschrieben?“, fragte er.

„Sie steht gleich am Anfang der Bibel. Aber wer genau sie geschrieben hat, kann ich dir nicht sagen. Damit kenne ich mich nicht aus. Ich kenne nur die Geschichte.“
Moritz schaute auf die Uhr.

„Schon spät. Ich muss los. Ich hab meiner kleinen Schwester ein Eis versprochen.“
„Das ist nett von dir.“

„Anna war heute Mittag so traurig. Da hab ich ihr gesagt, das ich mit ihr in die Eisdiele gehe.“

„Dann wirst du heute Abend ja zwei gute Taten vollbracht haben.“

„Wie bitte?“

„Schon gut“, winkte Frau Schmidt ab. „Beeil dich, deine Schwester wartet auf dich!“
Moritz stand auf und ging zur Tür. Dann drehte er sich noch mal um: „Jetzt werde ich auch schon vergesslich. Ich wollte Ihnen doch die zwei Euro zurückgeben.“
„Ach, weißt du was? Du könntest mir einen größeren Gefallen tun. Ich meine, wenn du mal Zeit übrig hast und mich wieder besuchst, könntest du mir eine Tafel Schokolade mitbringen. Hier in der Nähe ist kein Laden. Außerdem kontrollieren mich die Schwestern. Ich darf nichts Süßes essen. Aber eine Sünde muss der Mensch doch haben, sonst ist er einfach kein Mensch mehr. Ein bisschen Schokolade - in meinem Alter, was soll die mir noch schaden? Wenn du von dem Geld eine Tafel Bitterschokolade kaufst, das wäre nett. Und wenn etwas übrig bleibt, kaufst du deiner kleinen Schwester noch eine Extrakugel Eis.“

„Gut“, sagte Moritz. „Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Moritz. Und vielen Dank für den schönen Tag!“

 

4. Kapitel

 

Moritz hatte schon beim Aufstehen gewusst, dies würde nicht sein Tag werden. Er hatte schlecht geschlafen und so dumm und wirr geträumt, dass er ganz erschöpft und verschwitzt war, als er viel zu spät aufwachte. Schlapp hatte er sich aus der Bettdecke herausgeschält, war ins kalte Badezimmer geschlurft, und als er in den Spiegel sah, war ihm sofort klar gewesen, heute würde alles gegen ihn laufen. Es gibt solche Tage. Sie kommen, aber niemand kann einem sagen, aus welchem Grund und zu welchem Zweck.

Hektisch hatte ihn Mam zum Frühstück und kurz darauf aus dem Haus getrieben. „Beeil dich! Nun mach schon! Wo hast du bloß deinen Kopf?“