• 25. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 5. Folge

Durch kalten Regen war er auf seinem Kickboard gerast, gerade noch rechtzeitig, aber durchnässt und verschwitzt in der Schule angekommen, hatte sich fröstelnd auf seinen Platz in der linken, hinteren Ecke gesetzt und gehofft, jetzt wenigstens würde es einen Moment Ruhe geben, um Luft zu holen und nur eine Weile aus dem Fenster zu schauen.

Doch daraus wurde nichts. Die Lehrer schienen nur darauf gewartet zu haben, ihm heute die Meinung zu sagen. Der Biologielehrer hatte die erste Stunde gleich damit begonnen. Die anderen wiederholten und variierten seine Predigt: der Englischlehrer, der Lehrer für Physik und Chemie, die Erdkundelehrerin, selbst der Clown, der sie in Musik unterrichtete. Alle hatten sie ihm dasselbe Lied vorgesungen: „Mensch, Moritz, so lange liegen die Frühjahrszeugnisse doch nicht zurück, soll ich dich an deine Zensuren erinnern, das war eine Warnung, ich hatte gedacht, du hängst dich jetzt rein, aber du bist ja noch schlechter geworden, schriftlich sowieso und mündlich, Mensch, Moritz, was ist mit dir los, du musst dich mal richtig anstrengen, sonst sieht es schwarz für dich aus.“ Einer nach dem andern hatte sein Urteil über ihn gefällt.

Bis der Mathematiklehrer ihn schließlich in der letzten Stunde nach vorn rief. „Tu uns allen doch den Gefallen und löse hier an der Tafel diese Gleichung. Wir wollen nur mal sehen, wo du leistungsmäßig zurzeit stehst.“ Ganz weit hinten, wenn von Stehen überhaupt noch die Rede sein kann, hätte ihm Moritz gern geantwortet, hatte sich aber nicht getraut. Er war nach vorn gegangen, mit offenen Augen in die Katastrophe geschlichen. Wie lang er schon nicht mehr zugehört hatte! Eigentlich machte es Moritz nicht viel aus, vor der Klasse zu stehen und nichts zu wissen. Das war keine Schande. Das passierte anderen auch. Aber dass er dann doch versucht hatte, etwas zu sagen, und es plötzlich über ihn gekommen und er ohne Vorwarnung in ein hartes, heftiges Poltern gefallen war, das ihn packte und durchschüttelte, ohne dass er sich von dieser einen Silbe, die er immer und immer wiederholen musste, „nananananan“, hätte lösen können - ein nicht endender Krampf wie ein Brechanfall, so hilflos hatte er sich gefühlt - und dass alle ihn dabei angesehen hatten, als hätte er eine Krankheit, eine ansteckende Krankheit, das war tiefe Schande, „nananananan“. Und dass dem Lehrer schließlich nichts Besseres eingefallen war, als ihn achselzuckend zu seinem Platz zurückzuschicken. „Ist schon gut, setz dich und beruhige dich, wir versuchen es nachher noch einmal.“ Es hatte lange gedauert, bis Moritz wieder zu Atem kam.

Zu Hause hatte ihn Mam so angesehen, dass er gleich wieder wegwollte. Sie hatte diesen Wir-müssen-unbedingt-miteinander-reden-Blick aufgesetzt, den er nicht mehr aushielt. Warum konnte ihn niemand in Ruhe lassen?

Sofort nach dem Mittagessen, das er stumm hinuntergeschlungen hatte, fuhr er los. Es fiel. Das ein leichter, kalter Regen, und weil er keine bessere Idee hatte, fuhr er zum Einkaufszentrum war zumindest überdacht und hatte einen glatten Boden, auf dem man gut rollen konnte.

Moritz wollte hineinfahren, da sah er einige Jungs aus seiner Klasse, die vor der Eisdiele herumhingen. Gerade noch rechtzeitig, bevor sie ihn sehen konnten, drehte er um, fuhr mit Schwung die lange Fassade zurück und bog in die nächste Seitenstraße. Eine ruhige Sackgasse. Hier gab es keinen Verkehr, nur stumme, parkende Autos. Langsam rollte er die abschüssige Straße hinunter, bis er an ihrem Ende plötzlich vor der Kirche stand, in der er damals mit Anna und den Eltern gewesen war. Sie interessierte ihn nicht. Aber gleich daneben - fast hätte er sie übersehen - war die Bücherei, in der er als kleiner Junge so oft gewesen war. Von außen hatte sich nichts verändert: ein großes Schaufenster, in dem Bücher auslagen, und eine hohe Glastür, die mit Plakaten für Konzerte und Ausstellungen voll geklebt war. Sonst sah alles aus wie früher, nur dass die Fassade schmutzig war, die Fensterscheibe stumpf wirkte und einige Buchstaben der Aufschrift „Gemeindebücherei“ schon bedenklich schief herabhingen.

Früher war Moritz einmal pro Woche hergekommen. Besonders im Winter war es für ihn und seinen Vater zur festen Gewohnheit geworden: Am Samstag hatte Paps ihn an der Hand genommen, zu zweit waren sie zum Markt losgezogen, hatten eingekauft und waren danach, damit Mam in der Wohnung Ruhe hatte, in die kleine Bücherei gegangen. Eine gemütliche Kinderecke gab es hier, in der Paps ihm ein Bilderbuch nach dem andern vorgelesen hatte, ohne müde zu werden. Oder sie hatten Spiele gespielt, die dort auslagen: ›Memory‹, ›Domino‹, ›Fang den Hut‹. Stundenlang, ohne dass ihnen langweilig wurde. An diesen Samstagvormittagen hatte er seinen Vater ganz für sich allein gehabt. Aber irgendwann hatte das aufgehört. Moritz konnte sich nicht mehr erinnern, warum. Ob er selbst keine Lust mehr gehabt oder ob es an Paps’ vielen Geschäftsreisen gelegen hatte oder daran, dass Anna auf die Welt gekommen war?
Drinnen brannte Licht. Die Tür stand offen, Moritz rollte hinein. Obwohl er die Gemeindebücherei seit bestimmt sieben, acht Jahren nicht mehr betreten hatte, kam ihm noch alles vertraut vor: die grauen Regale, der dunkelgrüne Filzfußboden, der jeden Schritt und auch das Fahrgeräusch des Kickboards dämpfte, der Geruch von verstaubten Büchern und leicht vergilbtem Papier, die Stille, die nur selten von einem Flüstern, einem quietschenden Stuhl oder einem Zeitungsrascheln unterbrochen wurde, die wackeligen braunen Tische und Stühle. Alles stand noch an seinem Platz. Alles war wie früher. Nur auf dem großen Tisch am Eingang gab es nicht mehr die klobige Maschine, in die man die Bücher mit den altertümlichen Lochkarten stecken musste. Stattdessen stand dort ein Computer und dahinter saß eine junge Frau, die auf den Bildschirm sah, etwas eingab und dabei telefonierte. Moritz konnte sie nur halb von der Seite sehen und sie bemerkte Moritz gar nicht. Außer ihnen beiden schien niemand da zu sein.

Gemächlich rollte Moritz an den Regalen vorbei, am Katalogkasten, an Tischen und Stühlen. Eine Ecke weiter stand das Regal mit den Comics. Moritz musste nur kurz suchen, bis er seine beiden ›Tim-und-Struppi‹-Lieblingsbände fand: ›Das Geheimnis der Einhorn‹ und ›Der Schatz Rackhams des Roten‹. Mit ihnen ließ er sich in einen breiten Sessel fallen. Moritz kannte die Geschichten auswendig, aber ihr Zauber wirkte ungebrochen. Er musste den ersten Band nur aufschlagen, schon war er in den bunten Bildern versunken und ging mit Tim auf Abenteuerfahrt. Sie entdeckten das alte Schiffsmodell mit der geheimnisvollen Botschaft, fanden den Plan zum sagenhaften Schatz Rackhams des Roten und machten sich gemeinsam mit Kapitän Haddock, Professor Bienlein und den unvermeidlichen Schulze-Zwillingen auf die gefährliche Reise. Nie im Leben würden ihm diese Comics langweilig werden.
Moritz bemerkte nicht, wie sich die Bibliothekarin mit einem Bücherwagen näherte und am Regal gegenüber zu schaffen machte, eine Leiter heranschleppte, hinaufkletterte, sich den Arm mit Büchern voll lud und zögernd wieder hinunterstieg. Auf einmal verlor sie das Gleichgewicht, konnte sich nur mit einem schnellen Griff zum Regal halten und warf dabei die Bücher in hohem Bogen in die Luft, so dass sie mit lautem Krachen vor Moritz’ Füßen landeten. Er schreckte auf.

„Oh, entschuldige“, sagte die Bibliothekarin. Sie war so hübsch, dass es Moritz richtig überraschte. Früher hatten hier zwei alte, leicht eingetrocknet wirkende Frauen gearbeitet. Sein Vater hatte sie immer die „Grauen Damen“ genannt, weil sie nur graue - höchstens mal dunkelblaue - Kleider trugen. Die neue Bibliothekarin aber hatte eine schwarze Jeans an und eine leuchtend rote Jacke, die gut zu ihren kurzen schwarzen Haaren passte, und graue Sportschuhe, wie sie die Mädchen aus der Oberstufe trugen. Und sie hatte große, runde dunkle Augen.

„Tut mir Leid.“

Moritz wollte antworten. Doch kaum hatte er den Mund geöffnet, verhakte sich seine Zunge, verhärtete sich der Mund, rutschte ihm der Atem weg und heraus kam nur ein verkrampftes, gepoltertes „nenenenenen“. Die Knie wurden ihm weich, die Füße fanden keinen Halt, der Kopf begann zu schwitzen. Wenn er sich nur hätte in Luft auflösen, weit wegfliegen oder neben der „Einhorn“ tief auf dem Meeresboden liegen können, „nenenenenen“. Hilflos saß er da. Er kam weder vor noch zurück. Er war wie verhext.

Doch dann geschah etwas Seltsames. Die Bibliothekarin reagierte anders, als Moritz es von allen übrigen Leuten gewohnt war. Sie erschrak nicht, kicherte nicht, schaute nicht zur Seite, sie versuchte nicht, ihm zu helfen, ihm Worte vorzusagen. Sie tat das, was sonst niemand tat, wenn das Poltern über ihn kam. Sie blieb ruhig. Sie sah ihn an. Mit ihren großen, schönen Augen. Sie sah ihn einfach an. Es war nur ein Blick, ein Moment zwischen zwei Augenaufschlägen, eine kaum messbare Zeit.

Doch dieser eine Blick genügte vollkommen. Ohne Worte sagte er alles: Es ist gut. Nur ein Blick und Moritz wurde ruhig. Er schloss den Mund und spürte langsam wieder festen Boden unter den Füßen. Der Krampf löste sich. Das Poltern verschwand. Und seltsam, zurück blieb nicht mal das Gefühl von Scham und Peinlichkeit. Es war, als wäre nichts passiert. Nein, etwas Schönes war passiert.

Jetzt beugte sich die Bibliothekarin nieder und sammelte die verstreut liegenden Bücher auf. Moritz ging zwei Schritte vor, kniete sich neben sie und half ihr.
Zwei Bücher hatte er schon im Arm und griff eben nach einem dritten, da stieß er kurz mit ihr zusammen. Unwillkürlich zuckte er zurück, überrascht von der Berührung und von ihrem Geruch, der frisch war und so gar nicht an alte Bücher erinnerte. Er rückte wieder an sie heran. Sie lächelte.

„Das ist nett von dir. Leg die Bücher einfach auf den Bücherwagen.“
Sie richteten sich auf. Moritz lächelte zurück.

„Weißt du, ich muss hier alles umräumen. Unsere Bücherei muss sich verkleinern. Wir mussten einen der hinteren Räume abgeben. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir angebaut. Wir haben schon so kaum Platz für unsere Bücher. Aber jetzt muss ich Regal für Regal durchgehen und Bücher aussortieren, die keiner mehr lesen will.“
Die Bibliothekarin hatte eine freundliche, aber leise Stimme und sie sprach mit ihm ganz ungezwungen. Als ob sie sich schon lange kennen würden.

Jetzt kostete es Moritz keine Mühe, sie zu fragen: „Und was machen Sie mit den Büchern?“

„Die kommen ins Altpapier. Ist das nicht furchtbar?“

Moritz sah sich die Bücher auf dem Wagen an. „Kommen die alle weg?“