• 24. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 6. Folge

Nein, ich muss sie mir noch mal anschauen. Das ist das Religionsregal. Da kann einiges weg, das veraltet ist. Aber ein paar Bücher sind dabei, die ich aufbewahren will. Zum Beispiel unsere alten Bibeln. Wir sind ja eine Gemeindebücherei, und der Pastor, der sie vor, ich glaube, etwa fünfzig Jahren gegründet hat, besaß eine feine Bibelsammlung. Die hat er uns vererbt. Diese Bibeln werfe ich natürlich nicht weg. Aber sie sind so empfindlich, dass ich sie nicht im Regal lassen will. Wir haben ein kleines Archiv. Da kommen sie zu unseren anderen Schätzen.“

„Schätze?“, fragte Moritz überrascht. „Ich hätte nicht gedacht, dass es hier irgendwas richtig Wertvolles gibt. Was sind denn das? Kann ich sie mal sehen?“

„Klar! Hier zum Beispiel haben wir etwas ganz Besonderes.“
Sie zog mit beiden Händen ein großes, schweres Buch aus dem Regal und legte es auf den Bücherwagen. Es hatte einen prächtigen Ledereinband, in den vergoldete Figuren eingestanzt waren. Als sie es aufklappte, wirbelte eine kleine Staubwolke durch die Luft. Moritz sah den Staubkörnern nach, wie sie durch die Luft tanzten.

„Diese Bibel stammt aus dem 19. Jahrhundert. Sie hat wunderbare Illustrationen. Das da auf der ersten Seite ist der Evangelist Johannes beim Schreiben. Irgendwie rührend, wie er zwischen den Olivenbäumen sitzt und als Schreibtisch nur einen großen Stein hat.“

Moritz rückte dicht neben die Bibliothekarin und sah sich das Bild genauer an. „Hat der die ganze Bibel geschrieben?“

„Nein, die Bibel ist nicht von einem einzigen Menschen geschrieben worden. Von ihm stammt nur ein Teil. ›Bibel‹ ist das griechische Wort für Buch, heißt übersetzt also eigentlich nur ›das Buch‹. Aber das ist nicht korrekt. Denn die Bibel ist eine Bibliothek von Büchern - so wie unsere Bücherei. Es sind zwar nur 66 Schriften in der Bibel, aber diese kleine Bibel-Bibliothek ist eine Quelle aller späteren Bibliotheken.“

Sie hob eine gewöhnliche Bibel hoch, die aufgeschlagen neben dem Wagen lag. „Eigentlich besteht die Bibel aus zwei Bibliotheken: dem Alten und Neuen Testament. Nein, das ist ungenau, nur für die Christen gilt das. Die Juden erkennen bloß das erste Testament als heilige Schrift an. Was für die Christen das Alte Testament ist, ist für die Juden bereits die ganze Bibel. Das Alte Testament ist ursprünglich auf Hebräisch geschrieben worden. Wir haben hier ein Exemplar, eine ›Biblia Hebraica‹. Wie du siehst, sind wir gar nicht so schlecht ausgestattet. Obwohl keiner unserer Leser Hebräisch versteht oder auch nur die alte hebräische Schrift entziffern kann.“

„Wie sieht die hebräische Schrift denn aus?“ Die Bibliothekarin beugte sich hinab und nahm einen dicken Band aus dem untersten Regal.

„Ich schlag mal die erste Seite auf.“ Sie drehte das Buch um und schlug die Rückseite auf. Moritz stutzte.

„Du wunderst dich zu Recht“, sagte sie. „Aber man liest Hebräisch umgekehrt, also von rechts nach links und von hinten nach vorn.“

„Können Sie das lesen?“

„Ein bisschen. Hast du die Buchstaben schon mal gesehen?“
Moritz beugte sich vor. „Nee, noch nie“, er schüttelte den Kopf.

„Die hebräische Schrift besteht nur aus Konsonanten. Anfangs ist man ohne die Vokale a, e, i, o, u ausgekommen. Deinen Namen würde man also - oh, entschuldige, wie heißt du eigentlich?“

„Moritz.“

„Deinen Namen würde man also ›MRTZ‹ schreiben.“

„Was denn jetzt? Ich dachte, Hebräisch wird rückwärts geschrieben.“

„Stimmt. Sehr gut“, sie schlug sich an die Stirn und lachte. „Also: ›ZTRM‹. Im Nachhinein hat man Vokale hinzugefügt. Man hat sie als Punkte oder Striche über oder unter die Konsonanten gesetzt. Das o ist zum Beispiel ein hochgestellter Punkt und das i ein drunter gesetzter Punkt.“

„Und wie klingt Hebräisch?“

„Meine Aussprache ist bestimmt nicht perfekt, aber ich lese dir mal die ersten Verse des Alten Testaments vor: ›Bereschit bara elohim ät haschamajim wehät haaretz wehaaretz hajta tohu wabohu wechoschek al penej tehom we ruach elohim merachephät al penej hamajim.‹ Hast du was verstanden?“

Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen leicht an den Arm. Moritz kicherte kurz und schüttelte den Kopf. „Nur das ›tohu wabohu‹. Das sagt meine Mutter jedes Mal, wenn ihr mein Zimmer zu chaotisch ist.“

„›Tohu wabohu‹ heißt ›wüst und leer‹. Übersetzt heißt das, was ich gerade gelesen habe: ›Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer und es war finster über der Tiefe und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.‹ So beginnt die Bibel.“

„Woher wissen Sie das alles?“

„Ich hab mal Religion studiert. Ich kann sogar ein paar Brocken Griechisch. Willst du davon auch eine Kostprobe?“

Sie lachte Moritz an. Es schien ihr Spaß zu machen. Die ist richtig nett, dachte er und nickte zurück. Wieder bückte sie sich und holte ein sehr viel kleineres Buch hervor.

„Das ist das griechische Neue Testament.“ Sie schlug es auf.

„Iiiih“, Moritz wich einen Schritt zurück. „Die Buchstaben kenn ich aus dem Matheunterricht“, stöhnte er.

„›En archä än ho logos kai ho logos än pros ton theon kai theos än ho logos.‹“
So, wie sie diese fremdartigen Laute vorlas, klang es für Moritz merkwürdig schön.

„Und was soll das heißen?“

„Das heißt: ›Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.‹ Das ist der Anfang des Johannes-Evangeliums. Das hat also dieser alte, bärtige Mann geschrieben. Meine Sprachkenntnisse sind zwar ziemlich eingerostet. Aber etwas bekomme ich doch noch zusammen.“
Sie hatte richtig Feuer gefangen. Moritz ließ sich anstecken. Er hörte ihr gern zu. Er stand gern neben ihr. Nur damit sie weiterredete, fragte er: „Wie alt sind diese Bibeln?“

„Die hier sind alle relativ jung. Sie sind auf modernem Papier fein und sauber gedruckt. Ich zeige dir mal, wie Bibeln früher aussahen. Wir haben hier sogar eine Lutherbibel aus dem 18. Jahrhundert.“

„Ehrlich, so alt?“

Sie nickte, räumte die hebräische und griechische Bibel wieder weg, holte ein dickes Buchungetüm hervor und wuchtete es auf den Bücherwagen.

„Uff, wie schwer Bücher damals waren!“ Sie gab ihm einen kleinen, freundlichen Schubs. „Du kannst sie dir ruhig genauer ansehen.“
Moritz trat einen Schritt näher.

„Kann ich mal anfassen?“

„Natürlich, warum nicht?“

„Na, ich dachte nur, weil sie so wertvoll ist.“

„Du wirst schon ordentlich damit umgehen. Nur zu!“
Vorsichtig betastete er den brüchigen Ledereinband, die Messingbeschläge, den Goldrand und schließlich die dicken, leicht bräunlichen und gewellten Seiten.

„Diese Lutherbibel ist das älteste Buch, das wir in unserer Bücherei haben. Sie dürfte wirklich nicht einfach im Regal herumstehen.“

„Liest die denn noch jemand? Der Druck ist so grob. Man kann ja kaum einen Buchstaben erkennen. Und diese kleinen Zeichen am Rand erst!“ Er beugte sich dicht über die Seite, um etwas zu entziffern. Vergeblich.

„Nein, da liest keiner mehr drin. Aber es ist doch ein schönes Zeichen, dass wir sie haben. Die Lutherbibel ist eines der wichtigsten Bücher unserer Sprache.“

„Wieso denn das?“ Moritz richtete sich wieder auf.

„Martin Luther war der Erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, damit die Menschen sie endlich selber lesen konnten. Das war Anfang des 16. Jahrhunderts. Luthers Bibel wurde der erste Bestseller der Weltgeschichte. Sie war überhaupt eines der ersten gedruckten Bücher. Vorher wurden die Bibeln von Hand geschrieben. Mönche haben ihr ganzes Leben damit zugebracht, Bibeln abzuschreiben, Buchstaben für Buchstaben, das ganze dicke Buch. Auf Papier oder Schweinsleder oder noch früher auf Papyrus in Buchrollen.“

„Stehen solche Bibeln auch hier rum?“ Moritz suchte mit seinem Blick die Regale ab.
Die Bibliothekarin schüttelte den Kopf: „Nein, natürlich nicht. Von den ersten Bibeln sind nur wenige Reste erhalten. Sie liegen in irgendwelchen Museen.“

„Aber wer hat die Bücher der Bibel ursprünglich geschrieben?“

„Das ist eine lange verwickelte Geschichte. Das, was wir heute ›Schriftsteller‹ oder ›Autor‹ nennen, gab es im Altertum noch nicht. In den Büchern der Bibel erzählen Menschen die Geschichten, die sie mit ihrem Gott erlebt haben. Und diese Geschichten haben sie zunächst mündlich weitergegeben. Der Vater hat sie dem Sohn erzählt, die Mutter der Tochter, der Lehrer den Schülern, der Geschichtenerzähler der Sippe am abendlichen Lagerfeuer. Sie wurden erzählt von einer Generation zur nächsten. Irgendwann hat sie einer aufgeschrieben. Ein anderer hat sie weitergeschrieben. Ein dritter hat wieder etwas hinzugefügt. Die Bibel ist nicht wie ein Komet auf die Erde gefallen, sondern langsam gewachsen, Schicht um Schicht. Forscher haben versucht, diese Schichten voneinander zu lösen, um genau zu bestimmen, wie die Bibel entstanden ist. Doch das ist ihnen nur unvollständig gelungen.“

„Aber ein paar Erzähler kennt man doch“, setzte Moritz nach. „Wie diesen Johannes.“

„Genau, aber ich erkläre es dir am besten mit unser Bilderbibel aus dem 19. Jahrhundert. Die Illustrationen sind so etwas wie ein altertümlicher Comic. Ich habe gesehen, du liest ja Comics. Man kann diese Bibel lesen oder einfach die Bilder durchgehen und man bekommt dieselbe Geschichte erzählt.“

Langsam und behutsam blätterte Moritz die erste Seite um. Sie knisterte laut und kam ihm richtig schwer vor.

„Wer ist denn das?“, fragte er.

„Das ist Mose.“

„Der sieht aber streng aus.“

„Findest du? Von Mose wird erzählt, dass er überhaupt das Volk Israel gegründet hat. Die Israeliten waren eine kleine unterdrückte Minderheit, die in Ägypten lebte. Mose hat sie aus der ägyptischen Sklaverei befreit und durch die Wüste in das gelobte Land, nach Israel, geführt. Das hat er natürlich nicht allein getan. Der Gott der Vorfahren, der Gott Jakobs, hat dem fliehenden Volk geholfen und es vor den Ägyptern beschützt. Dieser Gott hat in der Wüste mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen, einen Vertrag. Das Volk verpflichtete sich, nur ihn anzubeten, und er verpflichtete sich, das Volk als seinen Bündnispartner anzusehen und zu bewahren. Auf dem Berg Sinai hat Gott Mose die Regeln seines Bundes gegeben.