• 23. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 7. Folge

Auf dem Berg Sinai hat Gott Mose die Regeln seines Bundes gegeben: zwei Steintafeln mit den Zehn Geboten. Darin stand, dass es verboten war, andere Götter anzubeten, sich ein Bild von Gott zu machen und den Namen Gottes zu entehren, den Feiertag zu brechen, die Eltern zu verachten, zu töten, die Ehe zu brechen, zu stehlen, zu lügen, neidisch und gierig zu sein. Hier, auf dem nächsten Bild siehst du, wie Mose dem Volk die Zehn Gebote zeigt.“

Moritz staunte: „Mose muss ganz schön stark gewesen sein. Diese beiden Steintafeln sehen nicht gerade leicht aus.“

„Ja, dabei war Mose alles andere als ein Superman. Er konnte zum Beispiel nicht richtig sprechen. Es heißt, er hatte eine schwerfällige Zunge. Wahrscheinlich hat er gestottert. Aber sieh mal die Kraft in seinen Augen, wie er das Volk mit seinem Blick bändigt. Diese Augen finde ich noch beeindruckender als seine Muskeln, mit denen er die massiven Steintafeln hochstemmt. Das ist Mose, ein Gottesmann. Er muss ungefähr im 13. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Manche Historiker meinen, er sei ein Ägypter gewesen. Andere sagen, dass die Israeliten nie in Ägypten gewesen seien, zumindest nur eine winzig kleine Gruppe, und der Rest habe schon immer in Israel gelebt, wenn auch als arme Knechte ohne eigenen Landbesitz. Wieder andere Forscher glauben, dass es Mose gar nicht gegeben hat, dass er eine Erfindung ist beziehungsweise dass es mehrere waren, die später zu der einen Person gemacht worden sind, der man all die Taten und Geschichten zuschrieb.“

Moritz zog die Augenbrauen hoch.

„Wie auch immer“, fuhr sie fort, „jedenfalls kamen die Israeliten ins Gelobte Land, ihre neue Heimat. Dort gründeten sie ein Königreich. Um das Jahr 1000 vor Christus herum. Mach doch mal weiter.“

Moritz blätterte einige Seiten um, dabei kam ihm ein ungewohnter Geruch in die Nase. Es roch nach altem Staub, aber keineswegs unangenehm. Wieder wirbelten Staubkörner auf. Moritz musste niesen.

„Gesundheit!“

„Danke!“

Er wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab.

„Brauchst du ein Taschentuch?“

„Nicht nötig“, antwortete er und wischte sich den Handrücken an seiner Hose ab.

„Das hier ist David“, sagte die Bibliothekarin, „der wichtigste König Israels. Unter ihm wurde das kleine Land kurzfristig zu einer richtigen Großmacht. Jerusalem war die Hauptstadt. Hier stand der Tempel, ein prächtiges Gebäude, kostbar geschmückt. Aber Israel war bedroht. Großreiche im Osten wollten es erobern. Das war die Zeit der Propheten.“

„Was sind denn Propheten?“

„Gesandte Gottes. Propheten haben von Gott eine Botschaft empfangen, die sie dem Volk weitersagen. Die Propheten waren Sturmboten. Sie sahen das kommende Unheil. Sie sahen auch, wie die Israeliten sich von ihrem Gott entfernten und wie die Oberen die Unteren ausbeuteten und das Recht brachen. Sie sahen, wie die Israeliten ihrem Gott untreu wurden und den Bund mit ihm zerstörten. Das konnte nicht gut gehen. Die Propheten sahen eine furchtbare Katastrophe voraus: Andere Völker würden kommen und Israel erobern, seine Städte und Tempel zerstören, die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben.“

Um seine Beine kurz zu entlasten, stützte sich Moritz mit beiden Armen auf dem Bücherwagen ab. Dann fragte er: „Woher wussten sie das? Konnten sie hellsehen?“
Da begann der Bücherwagen unter dem Druck von Moritz’ Armen langsam loszurollen. „Uups“, Moritz schreckte hoch. „’tschuldigung“, nuschelte er und zog den Wagen wieder zurück.

„Macht nichts. Um deine Frage zu beantworten: Die Propheten selbst sagten, dass Gott ihnen die Zukunft vorausgesagt habe. Oft haben sie sich allerdings mit ihren Prophezeiungen auch getäuscht. Aber die Prophezeiungen waren gar nicht das Entscheidende. Das eigentlich Wichtige war, dass die Propheten ihren Gott, den Gott Israels, in einem anderen, ganz neuen Licht sahen. Damals hatte ja jedes Volk seinen besonderen Gott. Wie die Israeliten hatten auch die Assyrer, Babylonier, Moabiter - und wie sie alle hießen - ihren eigenen Gott.

Insofern unterschied sich die Religion der Israeliten gar nicht so sehr von der Religion der Nachbarvölker. Das änderte sich erst mit den Propheten. Sie sahen in Jahwe - so hieß ihr Gott - mehr als einen Gott, der speziell für Israel zuständig war, über ihr Land herrschte und wachte. Für sie war Jahwe kein Volksgott unter andern. Sie begründeten den Monotheismus.“

„Schon wieder so ein Wort, das ich noch nie gehört habe.“

„Monotheismus ist der Glaube, dass es überhaupt nur einen Gott gibt. Anders als ihre Zeitgenossen glaubten die Propheten nicht, dass es mehrere Götter geben könne. Ihr Gott war der Einzige, der Schöpfer der ganzen Welt, der Herr aller Völker und der gesamten Geschichte. Das war für sie entscheidend, um die nahende Katastrophe zu verstehen. Denn eigentlich bedeutete der Untergang eines Volkes auch das Ende seines Gottes. Verlor ein Volk einen Krieg, dann zeigte dies doch, dass sein Gott schwächer war als der Gott der Sieger. Die Propheten brachen mit diesem Glauben: Wenn jetzt großes Unglück über Israel herabkam, dann war das nicht ein Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke ihres Gottes. Denn ihr Gott konnte sich auch gegen das eigene Volk wenden. Er lenkte die Geschichte, auch die feindlichen Großreiche waren seine Instrumente.“

„Selbst wenn er sie gegen sein eigenes Volk richtete?“

„Selbst dann! Aber noch etwas war neu am Gott der Propheten. Er hatte kein großes Interesse mehr an Tieropfern. Tieropfer waren damals ein Herzstück aller Religionen. Die Menschen gaben das, was ihnen besonders wertvoll war, ihrem Gott und erhielten im Gegenzug von ihm Schutz und Hilfe. Doch dem Gott der Propheten reichte es nicht, wenn die Menschen fromm in den Tempel gingen, dort die vorgeschriebenen Gebete sprachen und ihm Tiere schlachteten. Mit solchen Opfern ließ er sich nicht abspeisen. Er wollte mehr. Er wollte, dass die Menschen sich selbst gaben, dass sie ihr Herz änderten, dass sie sich in ihrem alltäglichen Leben außerhalb des Tempels an sein Recht und seine Gerechtigkeit hielten. Diesen gerechten Gott der ganzen Welt predigten die Propheten. Es hörte nur keiner auf sie. Darum waren sie sehr einsame Männer. Weiter hinten gibt es schöne Bilder von ihnen.“

Das gemeinsame Bibel-Comic-Lesen machte Moritz Spaß. In der Schule war Geschichte, neben Sport, sein Lieblingsfach. Aber hier gab es eine Spezialstunde nur für ihn und das von einer Lehrerin, die viel jünger, hübscher und lebendiger war als die Lehrer in der Schule.

„Da sind ja die Propheten!“, sagte sie. Das Bild, das Moritz aufgeschlagen hatte, zeigte eine Gruppe wüst dreinschauender und wütend rufender Männer.

„Wie sehen die denn aus?“

„Die Propheten waren wilde Kerle, bestimmt nicht ganz normal. Sie hielten sich nicht an die üblichen, bürgerlichen Regeln. Der hier mit den zerzausten Haaren und dem aufgerissenen Mund ist Hosea. Er hat bewusst etwas getan, was damals als große Schande galt: Er hat eine Hure geheiratet. Das sollte ein Zeichen sein. Er wollte den Israeliten den Spiegel vorhalten: So, wie er mit einer untreuen Frau zusammenlebte, so musste Gott ein Volk ertragen, das anderen Göttern nachlief. Ein anderer lief nackt durch die Straßen von Jerusalem, weil Israel bald nackt und bloß dastehen würde. Wenn du jetzt mal weiterblätterst - genau, bis hier -, dann kommt Jesaja. Der hatte eine erstaunliche Vision. Er hat Gott selbst gesehen. Dieses Bild zeigt, was er geschaut hat. Jesaja war im Tempel und plötzlich erschien ihm Gott. Der saß auf einem hohen Thron. Engel mit sechs Flügeln umgaben ihn. Die sangen: ›Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, alle Lande sind seiner Ehre voll!‹ Ihr Gesang brachte den Tempel zum Beben. Alles war voller Rauch. Jesaja packte die Furcht: ›Wehe mir, ich vergehe. Denn ich bin ein unreiner Mensch und lebe in einem unreinen Volk!‹ Da kommt ein Engel zu ihm herabgeflogen und berührt seinen Mund mit einer glühenden Kohle. So wird Jesaja rein. Und Gott gibt ihm einen merkwürdigen Auftrag. Er soll das Volk verstocken. Er soll zum Volk in einer Weise sprechen, dass es nichts versteht und sich nicht bessert. Denn Unheil soll über das Volk hereinbrechen und alles zerstören. Nur ein kleiner Teil soll gerettet werden.“

„Und die anderen müssen alle sterben? Das ist doch grausam“, protestierte Moritz.

„Ja, das ist grausam. Eine schreckliche Strafe. Dabei ist der Gott der Propheten und des Alten Testaments nicht nur der strafende, sondern auch der liebende Gott. Es gibt bei den Propheten auch wunderbare Sätze über die Güte und Wärme Gottes, darüber, wie er den Menschen verzeiht, wie er sich um sie kümmert wie eine liebevolle Mutter. Beides steht nebeneinander.“

Moritz schlug gleich mehrere Seiten um. Sie knackten laut.

„He, nicht so schnell, geh mal eine Seite zurück. Denn hier kommt der Lieblingsprophet aller Bibliothekare: Hesekiel, der Buchesser. Dem reicht Gott eine Buchrolle vom Himmel herab. Die soll Hesekiel aufessen, damit ihm die Botschaft in Fleisch und Blut übergeht. Sieh mal, wie er das Buch verschlingt. Richtig gierig sieht er aus. Die Buchrolle schmeckte ihm gut. Sie war süß wie Honig. Aber sie lag ihm schwer im Magen.“

„Das ist doch Quatsch! Seit wann schmecken Bücher nach Honig?“

„Na klar, das ist eine seltsame Vorstellung. Aber das meiste von dem, was die Propheten in ihren Offenbarungen sahen und hörten, geht über unsere Vorstellungskraft hinaus. Es widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Trotzdem liegt eine tiefere Ahnung, ein geheimer Sinn in diesen merkwürdigen Bildern und Visionen.“

Die beiden waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie nicht merkten, wie eine ältere Frau zu ihnen kam.

„Ach, hier sind Sie. Ich habe vorn schon ein paar Mal gerufen. Ich will meine Bücher abgeben und hab’s eilig.“

„Entschuldigung“, sagte die Bibliothekarin. „Wir haben uns so gut unterhalten, dass wir Sie nicht gehört haben. Ich komme sofort.“ Und zu Moritz gewandt: „Ich bin gleich wieder da. O.K.?“

Moritz sah den beiden nach. Die ältere Frau musste wohl eine ganze Ladung Bücher mitgebracht haben. Jedenfalls kam die Bibliothekarin nicht sofort zurück. Ihm wurde die Zeit lang. So eine blöde Unterbrechung! Unschlüssig blätterte er in der großen Bilderbibel. Ungeduldig trat er von einem Bein aufs andere. Er atmete auf, als sie endlich wiederkam.

„Da bin ich. Wollen wir weitermachen?“

„Klar!“ Moritz nickte.