• 22. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 8. Folge

Ah, ich sehe, dass du zu Jeremia vorgeblättert hast. Er ist einer der interessantesten Propheten, aber auch einer der traurigsten. Er war immer allein. Keiner hat ihn verstanden. Man spürt seine Einsamkeit, wenn man ihn da stehen sieht - auf einem Berg gegenüber von Jerusalem. Er betrachtet die Stadt. Was für eine Angst und Trauer in seinem Gesicht liegt! Noch ist alles friedlich. Es ist Nacht. Die Leute von Jerusalem schlafen. Aber Jeremia sieht vor seinem inneren Auge, wie diese Stadt schon bald von wilden Soldatenhorden erobert und zerstört wird.“

Moritz hatte genug von diesen Männern mit ihren wüsten Bärten und ihren stechenden Blicken. Er schüttelte den Kopf.

„Also, ich möchte kein Prophet gewesen sein. Das ist doch ein unheimlicher Glaube.“

„Mag sein, es hat sich auch keiner der Propheten über seine Offenbarung gefreut. Die meisten haben versucht, ihrer Berufung auszuweichen. Doch vergeblich. Gott war über sie gekommen und hatte ihr Leben verwandelt. Sie mussten ihrem Auftrag folgen. Sie konnten gar nicht anders. Aber schließlich ist es nur diesen Männern und ihren Jüngern zu verdanken, dass es das Volk Israel heute noch gibt. Alle anderen Völker der damaligen Zeit sind untergegangen. Die großen Völker der Assyrer, Ägypter, Babylonier, Perser, Griechen und Römer haben die kleinen Völker vernichtet, bevor sie selbst ausgelöscht wurden. Von den kleinen Ammonitern, Kanaanitern, Moabitern, Edomitern und all den anderen ist nichts geblieben. Ihre Könige wurden getötet, die Tempel zerstört, ihre Götter umgestoßen und damit war ihre Geschichte beendet. Dieses Schicksal drohte den Israeliten ebenfalls. Auch ihre Könige wurden getötet oder verschleppt, Jerusalem erobert und zerstört, der Tempel angezündet und niedergerissen. Israel war bald nach David in zwei Königreiche geteilt worden. Zuerst eroberten die Assyrer - das war 722 vor Christus - das Nordreich, dann machten die Babylonier 150 Jahre später das Südreich nieder. Davon gibt es hier auch Bilder.“

Moritz blätterte.

„Genau, hier siehst du, wie sie Jerusalem in Schutt und Asche legen. Was für ein Gemetzel! Ein Großteil der Bevölkerung wird umgebracht, die Oberschicht wird nach Babylon verschleppt. Die Israeliten bauten zwar bald danach einen zweiten, kleineren Tempel in der Stadt. Doch nach einer ganzen Reihe von weiteren Kriegen zerstörten die Römer im Jahr 70 nach Christus endgültig Jerusalem und seinen Tempel und vertrieben die Israeliten aus ihrem Land. Die Israeliten hatten nun nichts mehr: keine Heimat, keine Führung, keinen Tempel. Aber der Bund mit Gott blieb bestehen. Und dieser Bund bewahrte sie durch alle Niederlagen und Zerstörungen hindurch. Die Propheten hatten den Israeliten etwas gegeben, das sie zusammenhielt: einen Gott, der die ganze Welt regierte. Ihre Schüler und Nachfolger schrieben ihre Einsichten und Lehren in ein großes Buch, die hebräische Bibel. Und weil die Israeliten dieses beides hatten - den einen allmächtigen Gott und das eine Buch, das ihr Leben leitete -, darum überlebten sie als Volk und Religionsgemeinschaft. Darum gibt es sie heute noch, im Unterschied zu den Ammonitern, Kanaanitern und all den anderen damaligen kleinen Nachbarvölkern. Das ist die Geschichte der jüdischen Bibel.“

Die Bibliothekarin sah von der Bibel auf und schaute Moritz an, als ob ihr Gespräch jetzt zu Ende sei. Noch nicht, dachte er. Er wollte nicht wieder allein sein. Er wollte weitermachen, bei ihr sein und mit ihr reden. Irgendeine Frage musste ihm jetzt einfallen, eine gute Frage, die sie zu einer längeren Erklärung zwingen würde. Zum Glück, endlich fiel ihm etwas ein.

„Aber das ist ja nur die Geschichte der einen Hälfte der Bibel. Worum geht es im Neuen Testament?“

„Du bist aber neugierig!“ Sie lächelte ihn an. „Also, das Neue Testament erzählt, wie aus dem frühen Judentum das Christentum hervorging. Es erzählt vor allem von Jesus. Auch er war eine Art Prophet, ein Wanderprediger, der den Menschen in Israel verkündigte, dass das Reich Gottes sehr bald kommen werde. Über ihn gibt es viele Geschichten. Auch sie wurden zunächst mündlich von seinen Freunden und Anhängern weitergegeben. Etwa vierzig Jahre nach seinem Tod fing man an, diese Geschichten aufzuschreiben. Es entstanden die Evangelien, die die Geschichte vom Leben Jesu und seiner Lehre nacherzählen. Sie sind nicht ganz einheitlich. Im Neuen Testament gibt es vier Evangelien: von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Jeder bietet ein eigenständiges Bild Jesu. Nachdem Jesus gestorben war, gründeten seine Jünger eine Gemeinschaft.

Sie verbreiteten die Botschaft von Jesus und gewannen Juden, aber auch Menschen aus anderen Völkern für ihre Sache. Der wichtigste dieser Apostel, also Botschafter Jesu, ist Paulus. Von ihm stammen eine Reihe Briefe, die auch ins Neue Testament aufgenommen wurden. Mit ihm lösten sich die Christen vom Judentum.“
Sie schlug die Bibel zu und schüttelte sich den Staub von den Händen. He, dachte Moritz, nicht jetzt schon Schluss machen! Bloß nicht! Schnell setzte er nach: „Aber worin unterscheidet sich das Christentum vom Judentum?“

„Du kriegst ja gar nicht genug. Eigentlich muss ich noch ein bisschen was tun.“
Sie blickte kurz auf ihre Uhr.

„Ach, egal! Oft kommt es ja nicht vor, dass jemand so interessiert ist wie du. Das macht Spaß. Aber deine Frage ist nicht so einfach. Es ist nicht leicht zu sagen, wo genau sich die Wege trennten. Jesus selbst hat sich als Jude verstanden, nicht als Begründer einer neuen Religion. Aber er ging sehr frei mit dem Glauben der Väter um. Er hat sich auf einige wenige Grundgedanken des frühen jüdischen Glaubens konzentriert und sie mit neuem Leben erfüllt. Anderes, was frommen Juden damals wichtig war, hat er beiseite geschoben oder zumindest in den Hintergrund gedrängt. Für ihn ging es nur um zwei Dinge: Gottesliebe und Nächstenliebe. Er wollte zeigen, dass Gott niemand ist, vor dem man Angst haben muss. Gott ist wie ein guter Vater. Er verzeiht denen, die schuldig geworden sind. Kein Weg ist ihm zu weit, um die wiederzufinden, die sich verirrt haben. Darum heißt seine Lehre ›Evangelium‹, das ist das griechische Wort für ›frohe Botschaft‹.

Das andere ist die Nächstenliebe. Die hat Jesus natürlich nicht erfunden. Dass man seinen Nächsten lieben soll, steht schon im Alten Testament. Aber es steht dort gleichberechtigt neben vielen anderen Regeln und Gesetzen. Jesus hat sich ganz auf dieses eine Gebot konzentriert. Wer seinen Mitmenschen liebt, der erfüllt schon den ganzen Willen Gottes. Wie man sich im Tempel verhalten, was man opfern, wie man den Feiertag bewahren, was man essen und anziehen soll, das ist alles zweitrangig. Außerdem hat Jesus die Nächstenliebe ausgeweitet und radikalisiert. Es genügt nicht, nur seine Verwandten, Freunde und Nachbarn zu lieben. Man soll auch seine Feinde lieben.“

„Wie soll denn das gehen? Wenn einer mein Feind ist, mich angreift oder töten will, dann kann ich ihn doch nicht lieben!“

„Jesus hat gemeint: ›Wenn einer dich auf eine Wange schlägt, dann sollst du ihm auch die andere hinhalten. Wenn dir einer den Rock nimmt, dann gib ihm auch den Mantel.‹“
Moritz zog die Augenbrauen hoch.

„Klasse Idee! Das müssen Sie mal in meiner Schule erzählen. Mit so einer Einstellung kann man sich gleich einsargen lassen. Wenn einer mir die Jacke abzieht, gebe ich dem doch nicht auch noch meine Schuhe.“

„Ja, das klingt weltfremd und fantastisch. Trotzdem ist es ein unendlich wichtiger Gedanke. Dass Gewalt keine Probleme wirklich löst. Dass der einzige Weg zum Frieden die Liebe ist. Findest du nicht?“

Sie sah ihn an und Moritz sah zurück, aber nur für einen Moment. Dieser Augenblick tat gut, aber irgendwie machte er Moritz auch unsicher. Um davon abzulenken, fragte er schnell: „Wie hat Jesus denn ausgesehen?“

Sie schlug die große Bilderbibel wieder auf.

„Oje“, sagte Moritz, als sie ein Bild Jesu gefunden hatte. „Sieht der blöd aus!“

„Stimmt“, lachte die Bibliothekarin. „So hat man im 19. Jahrhundert Jesusbilder gemalt: mit langen gewellten Haaren, gepflegtem Bart, einem wallenden Umhang und vor allem diesem sanften Augenaufschlag Richtung Himmel. Wie ein Hippie zum Knuddeln.“

„Fehlen nur noch die Jesuslatschen.“

„Ja, das ist kitschig und viel zu süßlich. Jesus konnte auch hart sein, sich streiten und kämpfen. Trotzdem muss er die Menschen ganz besonders fasziniert und angezogen haben. Er hat die Liebe nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt. Das muss man bei ihm gespürt haben. Seine Freunde und Anhänger glaubten, dass mit ihm eine neue Zeit beginnen würde. Wo Jesus war, da war Gott - ganz nah und unmittelbar. Da war Liebe mehr als ein Wort. Da wurde das sonst so armselige Leben zu einem Fest.“

„Und das haben die andern Juden nicht geglaubt?“

„Genau, sie konnten in Jesus nicht den Messias, den gesalbten göttlichen Heilsbringer sehen. An diesem Punkt lösten sich die Jünger Jesu vom Judentum. Das Wichtigste war der Glaube an Jesus. Die Gesetze und Regeln des Alten Testaments verloren an Bedeutung. Die Zehn Gebote gelten natürlich auch für die Christen. Aber das Entscheidende sind nicht mehr die im Alten Testament aufgeschriebenen Rechtsvorschriften, sondern der Geist Jesu. Damit hängt ein anderer wichtiger Unterschied zusammen: Der Gemeinschaft der Christen konnte jeder beitreten, egal, ob er ein gebürtiger Jude, Grieche, Römer oder Germane war. Keiner hat das so klar und konsequent gesagt wie Paulus. Bei ihm kann man deutlich sehen, wie eine neue Geschichte beginnt, die Geschichte des Christentums.“

„Hat dann das Alte Testament für die Christen keine Bedeutung mehr?“

„Nein, das kann man so nicht sagen. Sonst hätten sie nicht so heftig darüber debattiert, welche Teile des Alten Testaments in ihre Bibel hineingehören und welche nicht. Es dauerte lange, bis sie sich einigten. Die anderen Bücher, die nicht aufgenommen wurden, sind zum Teil erhalten geblieben. Man nennt sie die Apokryphen.“
Sie wollte weiterreden, doch sie hörten plötzlich, wie jemand am Eingang nach ihr rief. Sie sah auf die Uhr.

„Oh, so spät! Wir haben uns ja ganz schön festgeplaudert. Das war toll! Es ist so lange her, dass ich das alles studiert habe. Aber jetzt muss ich leider nach vorn. Vielleicht machen wir irgendwann mal weiter. Hast du Lust?“

„Na klar!“

Sie standen auf, legten die Bibel beiseite und klopften sich den Staub von den Händen. Die Bibliothekarin wandte sich um und ging schnell nach vorn.