• 21. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 9. Folge

Moritz setzte sich wieder in seinen Sessel. Er wollte seine Comics noch zu Ende lesen. Als er auf seinem Kickboard die Bücherei verließ, war die Bibliothekarin nicht zu sehen. Er hätte sich gern von ihr verabschiedet.

5. Kapitel

Mam war kaum durch die Wohnungstür, da rief sie - noch alle Einkaufstüten in der Hand - laut nach Moritz. Unwillig stand er von den Hausaufgaben auf, öffnete seine Zimmertür und schaute in den Flur.

„Ich habe gerade auf dem Markt deinen Mathelehrer getroffen. Warum hast du denn nichts gesagt? Ich bin aus allen Wolken gefallen. Dein Lehrer war entsetzt, dass ich von nichts wusste. Ich bin mir vorgekommen wie eine dumme Gans. Moritz, wir müssen endlich miteinander reden. So kann das nicht weitergehen. Ich stell nur kurz die Sachen weg.“

Unschlüssig blieb er in seiner Zimmertür stehen. Was hätte er denn sagen sollen? Dass er nicht mehr sprechen konnte, manchmal wie ein Baby nur sinnlose Brocken daherstammelte? Und was würde das helfen? Moritz ging langsam zur Küche, sah zu, wie Mam mit schnellen, harten Handgriffen die Einkäufe einräumte. Warum hatte sie es immer so eilig? Sie war so hektisch, dass Moritz vom bloßen Zuschauen nervös wurde.
Mam öffnete ein Paket Eier, riss die Kühlschranktür auf, da fiel ihr ein großes braunes Ei aus den Händen und zerschlug auf dem Boden. Sie schrie und plötzlich sah sie so verzweifelt aus, als müsste sie gleich in Tränen ausbrechen. Moritz zog ein Papiertuch aus seiner Hosentasche und bückte sich, um die klebrige Eimasse aufzuwischen.

„Doch nicht mit einem Taschentuch! Du verschmierst nur alles! Lass mich das machen.“ Mam drehte sich von ihm weg zur Spüle. „Tritt bloß nicht rein.“

Da ging Moritz rückwärts aus der Küche. Leise log er noch: „Ich muss los. Bin verabredet. Bis später!“ Und bevor seine Mutter etwas sagen konnte, war er schon im Flur, griff sich Jacke und Kickboard, öffnete die Tür - und raus! Er sprang die Treppen mit riesigen Sätzen hinunter, aber diesmal nicht wie im Spiel, sondern wie auf der Flucht.

Er fuhr herum, auch ins Einkaufszentrum, ziellos an Geschäften vorbei, bis er zu einem Laden mit Süßigkeiten kam.

Keine halbe Stunde später rollte er in Zimmer 115 ein. Frau Schmidt saß genau so da, wie er sie verlassen hatte: auf ihrem Sessel, vor sich den kleinen Tisch mit einem Becher Tee.

„Ich komme, Schulden bezahlen“, begrüßte er sie und zückte eine Tafel Bitterschokolade.

„Oh, ein Engel auf Rädern“, lachte Frau Schmidt. „Und dazu noch einer mit roten Haaren.“

Moritz hatte sich gestern im Badezimmer selbst die linke Haarhälfte gefärbt. Aber er war mit dem Ergebnis nicht recht zufrieden. Er hatte sich das Rot kräftiger und leuchtender vorgestellt.

Nachdem er auch Frau Sperling Guten Tag gesagt hatte, setzte er sich zu Frau Schmidt auf das Bett und gab ihr die Schokolade. Die alte Frau öffnete die Tafel, brach einen Riegel ab und steckte ihn sich in den lächelnden Mund.

„Hmm! Möchtest du auch?“, fragte sie.

Moritz schüttelte den Kopf. Bitterschokolade fand er eklig.
Einen Moment saßen sie stumm nebeneinander. Die alte Frau aß genüsslich Riegel um Riegel. Moritz wusste nicht, wie er ein Gespräch beginnen sollte. Nur um sie zum Sprechen zu bringen, fragte er schließlich: „Und wie geht es Ihnen?“

„Wie es mir geht? Ach, wie soll es mir gehen? Es geht. Ich habe ja nicht mehr viel zu erwarten. So ist es eben mit uns Menschen: Wir kommen mit leeren Händen und wir gehen auch mit leeren Händen. Nicht dass ich klagen will. Die Hauptsache ist doch, dass das eigene Herz nicht leer ist. Und mein Herz ist immer noch gut gefüllt. Zum Glück! In ihm habe ich meine Erinnerungen und meinen Glauben.“

Moritz wartete einen Moment, bis Frau Schmidt das letzte Stück Schokolade aufgegessen hatte.

„Das ist jetzt vielleicht eine blöde Frage, aber wie macht man das: glauben?“

„Das ist gar keine blöde Frage. Im Gegenteil, nur ist sie nicht so leicht zu beantworten. Obwohl der Glaube eigentlich nichts Schwieriges oder Kompliziertes ist, für mich jedenfalls nicht. Für mich ist der Glaube etwas Einfaches. Er gehört selbstverständlich zu meinem Leben. Man muss nicht furchtbar viel wissen oder gelesen haben, um glauben zu können. Man muss nur eins: vertrauen können. Dazu muss man mit einem inneren Ohr hören und mit einem inneren Auge sehen können. Ich kann das schlecht mit Worten beschreiben. Meinem alten Volksschullehrer ist es gelungen, uns Kindern den ganzen Glauben mit nur einer einzigen Handbewegung zu beschreiben.

Er legte seine Hände aneinander, so als ob sie einen kostbaren Schatz halten und beschützen würden. Dann sagte er zu uns: ›An Gott glauben, das heißt zu spüren, dass wir in seiner Hand geborgen sind.‹ Das war alles. Mehr hat er nicht gesagt. Aber ich habe es nicht vergessen. Und genau das ist noch heute für mich der ganze Glaube. Was seine Hände mir damals gezeigt haben, das fühle ich immer noch. Mein alter Lehrer war ein besonderer Mensch. Bei ihm waren wir still, und zwar nicht, weil er so streng gewesen wäre. Wenn er vor uns stand, hatten wir das Gefühl, dass er jeden von uns einzeln anschaute und ansprach. Er stand vor uns, sah uns an und jedes von uns Kindern hatte das Gefühl: Es geht um mich. Vielleicht konnte er uns deshalb so gut den Glauben erklären. Ich sehe ihn jetzt noch vor mir. Und das nach über achtzig Jahren! Merkwürdig, wie einige Lehrer einen prägen.“

„Und andere nicht“, setzte Moritz hinzu.

Doch Frau Schmidt überhörte es und fuhr fort: „›Ohne den Glauben wärt ihr wie das liebe Vieh.‹ Das hat er immer zu uns gesagt. Er hat es ernst gesagt und mit einem Lachen. Weißt du, Moritz, man braucht im Leben einen Glauben. Man muss sich an etwas festhalten. Man braucht ein inneres Zuhause. Wenn du nichts glaubst, dann bist du nichts, nur ein kleiner Mensch in einer harten Welt.“

„Ich kenne niemanden, der noch glaubt. Das tun heute nur noch die alten Leute.“

„Vielleicht stimmt das. Bei uns haben viele den alten Glauben vergessen. Vielleicht geht es ihnen zu gut und Wohlstand, Sicherheit und Frieden lenken sie ab. Früher habe ich mich immer an dem Spruch gestoßen: ›Not lehrt beten.‹ Du hast ihn bestimmt schon oft gehört. Ich fand diesen Spruch von jeher falsch. Ich weiß, was Not ist. Ich bin ihr in meinem Leben oft genug begegnet. Not ist schlimm, sie lehrt einen auch schlimme Dinge und man möchte nur, dass sie ein Ende findet. Außerdem kann man genauso gut beten, wenn man glücklich ist. Aber etwas ist dennoch dran an diesem dummen Spruch. Wohlstand ist jedenfalls selten ein guter Lehrer für das Leben und für den Glauben. Man ist so mit sich selbst zufrieden, dass man meint, sonst nichts zu brauchen. Manchmal muss man an einen Abgrund kommen, um in die Tiefe zu schauen. Dann spürt man, dass es im Leben nur darum geht, dass man vertrauen und lieben kann. Man begreift, dass es nicht genügt, alles zu besitzen und irgendwelchen hübschen Sachen nachzujagen. Man hat plötzlich das Bedürfnis, sich an etwas festzumachen und sich nicht länger durch das Leben treiben zu lassen. Wenn man nackt und bloß dasteht, wird einem klar, dass das meiste, was uns beschäftigt, unendlich unwichtig ist. Und dass es im Letzten nur auf zwei Dinge im Leben ankommt: dass man glaubt und seinen Glauben lebt. Oder sich zumindest ernsthaft darum bemüht.“

„Aber was bringt einem das: glauben?“

„Ach, ob es etwas bringt, weiß ich nicht!“ Frau Schmidt zuckte die Schultern. „Aber eines weiß ich sicher. Wenn ich ihn nicht gehabt hätte, hätte ich all das nicht überstanden: den Krieg, die vielen Toten, die Flucht, das Heimweh, den Hunger, die Krankheiten, die Einsamkeit.“

„Andere haben es nicht überstanden. Was ist mit deren Glauben?“

„Der Glaube kann zerbrechen. Da hast du Recht. Man kann ihn verlieren. Er ist kein sicherer Besitz. Ich hatte einen Vetter. Der war als frommer Junge in den Krieg gezogen. Als er zurückkam, war er nicht mehr derselbe. Er war im Osten gewesen, sogar in Stalingrad. Er hatte schlimme Dinge gesehen, gehört, erlebt und getan. Körperlich war er unverletzt zurückgekehrt, aber in seinem Inneren war etwas zersplittert. In seinem Leben hat er nie wieder eine Kirche betreten. Er hat mit uns nicht darüber geredet. Manchmal sprach er von den Verbrechen der Kirche, der Inquisition, der Hexenverfolgung und so weiter. Aber ich glaube, das war nicht wirklich, worum es ihm ging.

Bei mir hat der Glaube gehalten und er hat mich bewahrt. Meine Mutter hat immer gesagt: ›Man kann den Glauben an die Menschen verlieren. Aber den Glauben an Gott soll man nie verlieren.‹ Wenn ich heute zurückblicke, denke ich, dass Gott mich geführt hat, durch alles hindurch. Es hatte alles seinen tieferen Sinn, auch das Schlechte, auch das Schreckliche. Merkwürdig, dass ich das so sagen kann, aber so empfinde ich es wirklich. So vieles hat sich gefügt. Es hatte alles einen geheimen Sinn, auch wenn ich es nicht immer gleich bemerkt und verstanden habe. Darum bin ich im Letzten dankbar für mein Leben, mein ganzes Leben. ›Menschen haben es böse mit mir gemeint, aber Gott hat es für mich zum Guten gewendet.‹ So sehe ich mein Leben. ›Menschen haben es böse mit mir gemeint, aber Gott hat es für mich zum Guten gewendet.‹ Das ist ein Vers aus einer Bibelgeschichte. Hast du Zeit? Dann erzähl ich sie dir.“

Moritz nickte. Er hatte Zeit. Außerdem wusste er, dass er der Alten eine Freude machte, wenn er sie erzählen ließ.

„Setz dich ruhig gemütlich hin. Es ist eine lange Geschichte. Auch diese Geschichte spielt vor ewigen Zeiten. Sie handelt von Joseph, einem Sohn von Jakob. Du erinnerst dich: Jakob mit der Himmelsleiter. Viele Jahre nach seiner Flucht war Jakob doch zurückgekehrt in seine Heimat, so wie Gott es ihm versprochen hatte. Und zwar nicht allein, sondern mit einer großen Familie, zwei Frauen - das war damals nichts Ungewöhnliches - und zwölf Söhnen. Er liebte alle seine Söhne, keinen aber liebte er so wie Joseph. Jakob zog ihn allen anderen vor und verwöhnte ihn. Während die anderen als Hirten grobe dunkle Kleidung trugen, spazierte Joseph in einem prächtigen bunten Kleid herum, das ihm sein Vater geschenkt hatte. Er sah darin aus wie ein Prinz.Es war kein Wunder, dass die Brüder neidisch wurden. Sie schimpften, dass Jakob Joseph so bevorzuge. Und sie hatten mit ihrem Ärger nicht Unrecht. Denn Joseph war ein arroganter, verzogener Junge.“