• 20. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 10. Folge

Es war kein Wunder, dass die Brüder neidisch wurden. Sie schimpften, dass Jakob Joseph so bevorzuge. Und sie hatten mit ihrem Ärger nicht Unrecht. Joseph war zwar ein hübscher, aber auch ein verzogener, arroganter Bengel. Er sah auf seine Brüder herab und verpetzte sie beim Vater.

Einmal hatte Joseph einen wunderbaren Traum und gleich am Morgen erzählte er ihn seinen Brüdern: ›Hört mal, was ich geträumt habe. Ich sah den Himmel. Da waren die Sonne, der Mond und elf Sterne und alle verneigten sich vor mir.‹

Die Brüder wurden sofort wieder wütend: ›Bist du größenwahnsinnig? Willst du etwas Besseres sein als wir? Sollen dein Vater, deine Mutter und wir, deine elf Brüder, uns vor dir verneigen? Willst du unser König sein?‹

Die Brüder konnten Joseph nicht mehr ertragen. Als sie mit den Schafen in der Steppe allein waren, beschlossen sie, ihn zu töten. Sie packten ihn und warfen ihn in eine tiefe dunkle Grube. Joseph schrie und heulte. Er bettelte, sie möchten ihn wieder herausholen. Er drohte, er würde es dem Vater sagen. Aber die Brüder ließen sich nicht erweichen. Sie überlegten gerade, was sie mit ihm machen sollten, da kamen Kaufleute auf Kamelen, eine Karawane, des Wegs. Einer der Brüder sagte: ›Lasst uns Joseph als Sklaven verkaufen. Dann sind wir ihn los, ohne uns mit seinem Blut zu besudeln.‹

Sie zogen Joseph aus der Grube und verkauften ihn. Sie rissen ihm sein buntes Kleid vom Körper, tauchten es in das Blut einer frisch geschlachteten Ziege und erzählten später ihrem Vater, Joseph sei von einem wilden Tier getötet worden. Jakob war verzweifelt. Er war untröstlich.

Mit der Karawane ging es für Joseph auf eine lange Reise. Durch Steppen und Wüsten kam er in eine andere Welt, ins Land der Pyramiden, nach Ägypten. Dort verkauften die Kaufleute Joseph an einen reichen Mann, der hieß Potifar. Joseph arbeitete für ihn, und was er anpackte, das gelang ihm. Bald beförderte Potifar ihn zum Verwalter seines ganzen großen Hauses und aller Diener.

Aber Potifars Frau verliebte sich in Joseph. Er war so schön. Sie wollte, dass er sich zu ihr legte. Doch Joseph weigerte sich. Dass er sie verschmähte, machte sie furchtbar wütend. Sie riss sich die Kleider vom Leib und lief schreiend zu ihrem Mann: ›Joseph wollte mit mir schlafen. Aber ich habe mich geweigert. Da hat er mir sehr wehgetan.‹ Potifar ließ Joseph gefangen nehmen und ins Gefängnis werfen.
Im Gefängnis lernte Joseph zwei ehemalige Diener des Pharaos, des Königs von Ägypten, kennen. Der eine war Mundschenk gewesen. Er hatte dem Pharao Wein eingeschenkt. Der andere war der Bäcker des Königs gewesen. Beide waren in Ungnade gefallen. Eines Morgens kamen sie zu Joseph. Beide hatten merkwürdig geträumt. Joseph bat sie: ›Erzählt mir eure Träume. Vielleicht sagt mir Gott, was sie bedeuten.‹

Der Bäcker erzählte: ›Ich hatte im Traum drei Körbe auf meinem Kopf. Im obersten Korb lagen köstliche Kuchen. Doch es kamen Vögel und fraßen sie auf.‹ Da antwortete Joseph erschrocken: ›Dieser Traum bedeutet nichts Gutes. Du wirst in drei Tagen sterben.‹

Der Mundschenk erzählte: ›Ich sah einen Weinstock mit drei Reben, die hingen voller Trauben. Ich hielt den Becher des Pharaos, nahm die Trauben, drückte ihren Saft in den Becher und der Pharao trank ihn.‹

›Das ist ein guter Traum‹, erklärte Joseph. ›In drei Tagen wirst du wieder Mundschenk im Palast des Pharaos sein. Wenn du in Freiheit, in Amt und Würden bist, dann erinnere dich an mich!‹

Und so geschah es. Der Bäcker wurde hingerichtet. Aber der Mundschenk wurde freigelassen und wieder in sein altes Amt am Hof des Pharaos eingesetzt. Doch es dauerte, bis er sich an seinen israelitischen Mitgefangenen erinnerte.

Zwei Jahre später quälte den Pharao ein dunkler Traum. Er konnte ihn nicht verstehen. Niemand konnte ihn deuten. Da fiel dem Mundschenk Joseph ein. Man ließ ihn aus dem Gefängnis holen und vor den Pharao bringen. Der Pharao fragte Joseph: ›Ich habe gehört, dass du Träume deuten kannst.‹ Joseph antwortete: ›Ich kann es nicht aus eigener Kraft. Aber Gott wird dem Pharao sagen, was gut für ihn ist.‹

Da erzählte der Pharao seinen Traum: ›Ich stehe am Ufer des Nils. Aus dem Fluss steigen sieben schöne, dicke Kühe. Aber ihnen folgen sieben dürre, hässliche Kühe. Sie fressen die dicken Kühe auf. Sag mir, was soll das bedeuten?‹

Joseph sagte: ›Sieben Jahre lang wird es sehr gute Ernten geben. Dann kommen sieben Dürrejahre. Es wird kein Korn mehr wachsen. Deshalb gebe ich dir einen Rat: Baue große Lagerhäuser und sammle dort in den Jahren der guten Ernten das überschüssige Korn. Dann werden die Menschen auch in den schlechten Jahren zu essen haben.‹
Der Pharao war begeistert: ›Joseph, du sollst mein oberster Verwalter sein. Du sollst die Lager bauen und mit Korn füllen.‹

Und tatsächlich, es kamen sieben große Ernten. Alle hatten genug zu essen und Joseph sammelte Korn in die Lager. Dann folgten die dürren Jahre. Es gab kein Wasser mehr und die Pflanzen auf den Feldern vertrockneten. Da kamen die Menschen zu Joseph und er gab ihnen zu essen.

Eines Tages kamen zehn Männer aus Israel. Es waren seine Brüder. Jakob hatte sie geschickt, um in Ägypten Getreide zu kaufen. Alle seine Söhne hatte er losgeschickt - bis auf einen, Benjamin, den jüngsten. Joseph erkannte seine Brüder sofort. Aber seine Brüder hielten ihn für einen ägyptischen Herrn. Joseph gab sich ihnen nicht zu erkennen, sondern stellte sie auf die Probe. Er trat vor sie hin und rief: ›Ihr Fremden, ihr seid Spione. Ihr wollt unser Land auskundschaften, um es zu überfallen.‹ Die Brüder antworteten erschrocken: ›Nein, Herr, wir sind keine Spione. Wir wollen nur Getreide kaufen für unsere Familie. Unser Vater hat uns geschickt, weil zu Hause Hunger herrscht. Er und unser jüngster Bruder warten auf uns.‹ Doch Joseph unterbrach sie: ›Nun gut, ich will euch so viel Getreide geben, wie ihr braucht. Dann sollt ihr zurückgehen. Aber einer von euch muss als Geisel bei mir bleiben. Und wenn ihr wiederkommt, müsst ihr euren jüngsten Bruder mitbringen.‹ Die Brüder zogen mit gefüllten Getreidesäcken nach Israel zurück und ließen Simeon als Gefangenen da.

Nach einiger Zeit kamen Josephs Brüder zum zweiten Mal, diesmal mit dem kleinen Benjamin. Joseph ließ Simeon aus dem Gefängnis holen. Er lud die Brüder zum Essen ein und redete freundlich mit ihnen. Dann füllte er allen die Säcke mit Korn. Nur in dem Sack von Benjamin versteckte er einen silbernen Becher. Die Brüder ahnten nicht, was Joseph tat. Am nächsten Morgen standen sie früh auf, verabschiedeten sich und zogen davon.

Doch Joseph befahl seinen Dienern: ›Reitet diesen Männern hinterher und haltet sie auf. Einer von ihnen hat mich bestohlen.‹ Schnell hatten die Diener die Brüder eingeholt und zu Joseph zurückgebracht.

›Ihr Diebe, ihr habt mir einen silbernen Becher gestohlen!‹ Die Brüder riefen: ›Wir sind unschuldig. Sieh nach. Bei wem du den Becher findest, der soll sterben.‹ Die Diener fingen an zu suchen und sie fanden den silbernen Becher in dem Sack des kleinen Benjamin. Die Brüder waren entsetzt. Sie warfen sich vor Joseph auf den Boden. Juda flehte: ›Ach, Herr! Nimm mich anstelle von Benjamin. Wenn der Kleine nicht nach Hause kommt, stirbt unser Vater vor Traurigkeit. Er hat schon einmal einen Sohn verloren. Ein zweites Mal würde er das nicht ertragen.‹

Als Joseph das hörte, musste er weinen: ›Seht doch! Ich bin Joseph, euer Bruder. Kommt zu mir und habt keine Angst. Ihr habt es böse mit mir gemeint, aber Gott hat es für mich zum Guten gewendet.‹ Und Joseph umarmte sie und verzieh ihnen alles, was sie ihm angetan hatten. So war es: Menschen hatten es böse mit Joseph gemeint, aber Gott hat es für ihn zum Guten gewendet.“

Frau Schmidt machte eine Pause. Moritz streckte sich. Es war, als ob er aus einem Halbschlaf aufwachte. Sie hatte die Geschichte so ruhig, mit einem langen Atem erzählt. Dass sie keine Eile hatte, dass nichts sie drängte, tat ihm gut. Wieder fiel ihm seine kleine Oma ein. Bei ihr war es ähnlich gewesen. In ihrer Wohnung hatte es keine Uhren gegeben. Jedenfalls konnte er sich an keine erinnern. Stundenlang hatte sie mit ihm gespielt oder ihm vorgelesen. „Was für eine Geduld du mit dem Jungen hast“, hatte Mam oft gesagt. Merkwürdig, dass ihm dieser Spruch jetzt wieder einfiel.

Moritz reckte sich und gähnte.

„Ist dir die Geschichte zu lang geworden?“, fragte Frau Schmidt.

„Nein, nicht wirklich“, antwortete Moritz und gähnte ein zweites Mal. Die Geschichte hatte ihm gut gefallen. Aber das wollte er nicht sagen.

Sie saßen schweigend nebeneinander. Es war ganz still. Nur aus dem Nachbarbett war ein schweres Atmen zu hören. Doch an Frau Sperling, von der Moritz kaum die Nase sah, hatte er sich schon gewöhnt. Plötzlich klopfte es und die dicke Schwester kam mit dem Abendbrot herein. Es war Zeit, sich zu verabschieden.

„Auf Wiedersehen“, sagte Moritz.

„Auf Wiedersehen“, sagte die Schwester.

„Auf Wiedersehen, Moritz“, sagte Frau Schmidt. „Es tut gut, wenn mal jemand zum Reden da ist.“

6. Kapitel

Es war ein Nachmittag, der einfach nicht vergehen wollte. Als litte der Uhrzeiger unter Muskelschwund. Ächzend schleppte er sich von Minute zu Minute, so, wie Moritz sich mühsam Zeile für Zeile durchs Mathebuch quälte. Er hatte sich fest vorgenommen, etwas für die Schule zu tun, damit seine Mutter Ruhe gab und ihn nicht mehr mit ihren Fragen löcherte und mit ihren Sorgen bedrängte. Aber leichter gesagt als getan. Schon zwei Stunden saß er an seinem Schreibtisch, doch nichts hatte er in seinen Kopf hineinbekommen. Immer wieder starrte er auf die bedruckten Seiten. Er hätte sich genauso gut eine hebräische Bibel anschauen können. Immer wieder rutschte sein Blick von den Zeilen und Zahlen, glitt über die Seite hinweg, zum Fenster hinaus, hoch zu den Wolken. Regungslos schaute er den ständig wechselnden Formen nach, versuchte an nichts zu denken, doch immer wieder kam ihm die Bibliothekarin in Erinnerung: ihre rote Jacke, die kurzen schwarzen Haare, vor allem aber ihre Augen und wie sie ihn angesehen hatten.

Schließlich stand er mit einem Ruck auf. Es hatte ja doch keinen Sinn, herumzusitzen und so zu tun, als würde er lernen.

Schon ein paar Minuten später rollte Moritz auf die Bücherei zu. Aber als er die offene Tür sah, wurde er plötzlich unruhig, seine Finger begannen leicht zu zittern. Er schloss beide Hände fest um den Lenkknauf des Kickboards. Er wusste auch nicht, warum, doch sein Herz schlug auf einmal im Hals.