• 19. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 11. Folge

Langsam fuhr er hinein, am Eingangstisch saß die Bibliothekarin nicht. Moritz war enttäuscht. Weiter also die Regale entlang. Gespannt schaute er in jeden Gang. Aber erst ganz am Ende, zwischen „Comics“ und „Religion“ fand er sie, an derselben Stelle, an der sie sich unterhalten hatten. Sie stand oben auf einer Leiter und räumte das Regal mit den Religionsbüchern um. Sie trug ein hellblaues, eng anliegendes Kleid. Moritz schaute auf ihren Rücken, ihre schlanken Beine. Sie war zu sehr mit der Arbeit beschäftigt, als dass sie ihn bemerkte. Er sah sie eine ganze Zeit an, wie sie da über ihm stand in ihrem hübschen Kleid. Schließlich räusperte er sich. Jetzt drehte sie sich zu ihm herab.

„Hallo, Moritz!“, rief sie fröhlich.

Moritz war überrascht. Er hatte nicht erwartet, dass sie sich an seinen Namen erinnerte. Er öffnete den Mund, um zurückzugrüßen, doch schon schnappte es zu und heraus kam nur ein „hahaha“. Er brach seinen missglückten Sprechversuch ab und schloss den Mund.

Sie beachtete es gar nicht, sondern stieg langsam mit einigen Büchern die Leiter hinunter, legte sie auf den Wagen und rieb sich den Staub von den Händen. Jetzt stand sie direkt vor Moritz. Sie sah ihn an mit ihren großen dunklen Augen und strich ihm kurz über den Arm.

„Na, guckst du mal wieder vorbei? Das ist nett von dir, Moritz.“

„Hallo“, antwortete Moritz. Es kam ihm leicht und natürlich über die Lippen. Er wunderte sich selbst. Er war nicht in ein tiefes Loch gefallen. Er war nicht abgestürzt. Das war ihm bisher noch nicht gelungen, sich allein aus dem Poltern herauszuziehen. Gleich probierte er den nächsten Satz.

„Wie heißen Sie eigentlich?“

„Sabine. Sabine Lehnerer.“

Moritz spürte, dass die Gefahr vorbei war. Er war wieder auf der sicheren Seite. Jetzt ging es nur noch darum, dass das Gespräch nicht abbrach.

„Und wie geht es Ihnen?“, fragte er unbeholfen. So redeten eigentlich nur Erwachsene. Aber ihm war nichts Besseres eingefallen.

„Ach, vielen Dank, ganz gut. Noch besser würde es mir allerdings gehen, wenn du mich nicht mehr siezt. Wir sind nicht in der Schule. Sag du zu mir, sonst fühle ich mich so alt.“

„Echt?“, fragte er immer noch etwas unsicher.

„Wenn du unbedingt willst, kannst du mich natürlich siezen. Aber dann musst du auch ›Fräulein‹ sagen.“ Sie lachte bei dieser Vorstellung. „›Fräulein Sabine‹! Und dann müsste ich dich selbstverständlich auch siezen.“

„O nee, bloß nicht“, jetzt lachte Moritz auch. Seine Unsicherheit war von ihm abgefallen. Mit der Bibliothekarin war alles so einfach.

Sie streckte sich. „Heute habe ich hier eine einzige blöde Schlepperei. Ich krieg schon einen krummen Rücken und einen schiefen Hals.“

„Soll ich Ihnen helfen?“

„Bitte? Wem willst du helfen?“, grinste sie.

„Äh, ich meine natürlich: Soll ich dir helfen?“

„Ja, das sollst du! Quatsch, du sollst hier natürlich gar nichts. Aber nett wäre es. Wenn du Lust dazu hast. Vielleicht reiche ich dir einfach die Bücher an und du legst sie auf den Wagen. Das spart mir das ewige Rauf- und Runtersteigen.“
Schweigend leerten sie das Regal, bis der Bücherwagen voll war.

„Hilfst du mir dabei, den Wagen in unser kleines Archiv zu bringen?“

„Klar!“

Zusammen - sie vorn, er hinten - schoben sie den schwer beladenen Wagen in einen kleinen Hinterraum.

„Das hier ist mein Refugium“, sagte Sabine und zeigte ihm mit einer ausladenden Handbewegung das Archiv.

„Refugium? Musst du eigentlich ständig griechisch oder hebräisch reden?“
Sie lachte: „Nein, das war zur Abwechslung mal Latein. Das ist mein Rückzugsort. Hier bin ich am liebsten.“

Moritz gefiel das Archiv auch. Es wirkte gemütlicher als der Rest der Bücherei. Hier waren nicht alle Wände mit Regalen voll gestellt. Es gab nur ein großes Regal, in dem altertümliche Bücher standen. An den anderen Wänden hingen bunte Plakate. Es roch auch nicht nach Bücherstaub, sondern nach einem bunten Blumenstrauß, der mitten auf dem Arbeitstisch stand. Durch ein kleines Fenster fiel ein Sonnenstrahl genau auf die Blüten.

Sie luden die Bücher vom Wagen auf den Tisch. Während Sabine zu sortieren begann, schaute sich Moritz, der nichts mehr zu tun hatte, einige der herumliegenden Bücher an. Eines erregte sofort seine Aufmerksamkeit. Es musste schon einige Jahrzehnte alt sein, war an allen Ecken abgestoßen und abgegriffen. Aber es hatte einen Umschlag, der so düster und geheimnisvoll war, dass Moritz nicht von ihm los kam. Es war eine Schwarzweißzeichnung. Sie zeigte ein riesiges verwinkeltes Kellergewölbe wie in einer mittelalterlichen Burg. Vermummte Mönchsgestalten liefen hin und her und an merkwürdigen Geräten hingen gefesselte Menschen.

Neugierig nahm er das Buch in die Hand, hielt es Sabine hin und fragte: „Was ist das denn?“

„Eine alte Geschichte der Inquisition.“

„Inquisition? Was heißt das?“

„Etwas ganz Furchtbares.“ Sabine unterbrach ihre Sortierarbeit. „Nicht leicht zu erklären. Wie fange ich an? Vielleicht machen wir einfach eine Pause. Die haben wir uns sowieso verdient. Hast du Durst? Ich hol was zu trinken. Und dann erzähle ich da weiter, wo wir letztes Mal aufgehört haben.“

Sie holte zwei Stühle, zwei Gläser und eine Flasche Mineralwasser. Moritz setzte sich neben sie und trank sein Glas in drei Zügen aus.

„Weißt du noch, wo wir stehen geblieben sind?“

„Beim Neuen Testament und den Akropyphen.“

Moritz war froh, dass er sich daran erinnern konnte.

„Den Apokryphen“, verbesserte sie ihn. „Hey, sehr gut, dass du das noch weißt. Du bist Klasse. Dann sind wir also erst beim Urchristentum. Bis zur Inquisition ist es da noch ein weiter Weg.“

Moritz war rot geworden. Lob war er gar nicht mehr gewohnt. Trotzdem brachte er den nächsten Satz ohne Poltern heraus: „Macht nichts. Ich hör dir gern zu.“

„Echt? Nett von dir, dass du das sagst. Beruht aber auf Gegenseitigkeit. Manchmal ist es hier wirklich furchtbar still und ich rede fast einen halben Tag lang kein einziges Wort. Ist ja nicht gerade viel los bei uns. Und über Bücher kann man sich sowieso nur mit wenigen unterhalten, besonders über Bücher, die mit Religion zu tun haben. Dabei finde ich das so interessant. Mir hat das Studium damals richtig viel Spaß gemacht.“

Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und streckte ihre Beine aus.

„Na gut, tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Klettern wir ihn mal ein bisschen hinunter. Also, das Urchristentum war eine winzige Splittergruppe innerhalb des antiken Judentums. Aber diese kleine Gemeinschaft sollte eine unglaubliche Karriere machen und zur größten Religion der Welt werden. Die ersten Jünger hätten sich das nicht träumen lassen. Die Anfänge des Christentums waren ja so klein und versteckt gewesen, dass niemand dieser neuen Bewegung eine große Zukunft vorausgesagt hätte.

Da kam Paulus. Er war fünf Jahre nach dem Tod Jesu bekehrt worden. Auf vielen langen Missionsreisen brachte er das Evangelium in die heutige Türkei, nach Griechenland und Italien. Juden schlossen sich ihm an, aber auch viele Nichtjuden: Griechen und Römer. Sie bildeten Gemeinden, die selbst Mission betrieben. Doch das junge Christentum stieß nicht nur auf Zuspruch. Den politischen Machthabern war die neue Religion gar nicht recht. Sie verfolgten die ersten Christen.“

„Warum?“ Moritz hatte sich ein dünnes Gummiband vom Tisch genommen. Manchmal konnte er besser zuhören, wenn seine Finger mit etwas spielten.

„Für die Römer waren die ersten Christen überhaupt nicht harmlos. Die Römer beherrschten damals die ganze bekannte Welt - das heißt Europa, Nordafrika und den Nahen Osten. Alle großen und kleinen Völker hatten sie unterworfen. Da tauchte plötzlich diese winzige Sekte auf, die zwar ganz unpolitisch war, aber an einem - dem entscheidenden - Punkt die Allmacht der Römer nicht anerkannte. Denn die Christen weigerten sich, den römischen Kaiser anzubeten. Ansonsten waren sie brave Bürger, zahlten ihre Steuern, hielten sich an die Gesetze und dachten nicht an Umsturz oder Revolution. Aber an diesem Punkt mussten sie sich verweigern, den römischen Kaiser wie einen Gott anbeten, das konnten sie nicht. Sie hatten einen andern Herrn. Und diesem himmlischen Herrn mussten sie mehr gehorchen als ihrem politischen Herrn. Das mussten sie schwer bezahlen. Man jagte sie, nahm sie gefangen, folterte und tötete sie. Sie wurden gekreuzigt. Manche hat man im Zirkus den Löwen vorgeworfen - zur Belustigung des Volkes.“

Moritz machte ein angewidertes Gesicht. „Wie bitte?“

„Ekelhaft, nicht? Nur heimlich konnten sich die Christen zum Gottesdienst treffen. In Katakomben, das waren unterirdische Friedhöfe, kamen sie zusammen. Die Christen haben sich nicht gewehrt. Sie haben stattdessen mit ihren Worten und Taten überzeugt. Mehr und mehr Menschen schlossen sich freiwillig der Kirche an, obwohl es gefährlich - lebensgefährlich - war, ein Christ zu sein. Trotzdem, die Kirche wuchs. Anfangs hatten nur einfache, arme Leute zur Kirche gehört. Doch als sie größer wurde, zog die Kirche auch die Oberschicht an: hohe Beamte, feine Damen, Leute vom Hof, Mitglieder der kaiserlichen Familie. Schließlich wurden die Kaiser selbst Christen. Der erste römische Kaiser, der sich zum Christentum bekannte, war Konstantin. Im Jahr 312 nach Christus errang er die Herrschaft und machte das Christentum zur neuen Staatsreligion. Damit wurde das Christentum zur Weltreligion. Es übernahm die geistige Herrschaft über die damalige Welt.“

„Und die Verfolgungen hörten für immer auf“, ergänzte Moritz.

„Ja, allerdings nicht für alle. Die meisten Christen lebten nun in Sicherheit. Aber für andere begannen jetzt schwere Zeiten. Ein reiner Glücksfall war diese ›Konstantinische Wende‹ nicht. Jesus hatte das Reich Gottes angekündigt. Aber sein Reich war nicht von dieser Welt. Es war ausschließlich eine Sache des Glaubens. Sein Reich war reine Religion. Er selbst blieb arm, schwach und wehrlos. Seine ersten Jünger wussten das noch. Doch die späteren Kirchenführer und Theologen müssen es vergessen haben. Dabei hätten sie aus ihrer eigenen Geschichte lernen können, dass man in der Religion mit Macht und Gewalt nichts erreicht. Sie aber wollten das Reich Gottes zu einem irdischen Weltreich machen. Mit all ihrer neuen Macht versuchten sie ihren Glauben durchzusetzen. Dadurch machten sie den Glauben zu einer Sache der Politik. Die Bischöfe wurden Kirchenfürsten, mit dem Papst an der Spitze.