• 18. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 12. Folge

Aus der verfolgten Minderheit wurde eine Mehrheit, die jetzt selbst damit begann, Minderheiten zu verfolgen. Die Reichskirche verfolgte die Juden, die Heiden - das heißt die Anhänger der alten römischen Götter - sowie diejenigen Christen, die ihren Glauben anders verstanden, als es die Kirchenführung erlaubte. Die Christen versammelten sich nicht mehr in den Katakomben, sondern in gewaltigen Kirchen. Die wunderbaren alten Tempel zerstörten sie. Auch Bücher, ganze Bibliotheken verbrannten die neuen Herren. Eine Schande für Menschen, die doch selbst einer Buchreligion angehörten.“

Sie hustete und trank einen Schluck Wasser.

„Und die Inquisition? Was war das nun?“
Kaum hatte er die Frage gestellt, da flitschte ihm das Gummiband davon, das er zwischen zwei Finger gespannt hatte. Es flog bis zur andern Wand des Archivs. Moritz stand schnell auf, hob es auf und legte es zurück auf den Tisch. Sabine schmunzelte.

„Du springst jetzt ins Mittelalter. Aber das macht nichts. Ganz Europa war inzwischen christlich geworden. Doch es wurde bedroht. In Arabien hatte Mohammed im 7. Jahrhundert eine neue Weltreligion gestiftet: den Islam. Und der Islam setzte zu einem beispiellosen Eroberungszug an. Zunächst eroberten die muslimischen Heere das Morgenland: Syrien, Ägypten, Israel. Über Nordafrika drangen sie bis nach Spanien vor. Das beunruhigte die europäischen Christen. Sie sammelten sich zur Gegenwehr. Ritter aus ganz Europa zogen in den ersten Kreuzzug. Sie wollten die Muslime niederwerfen und vor allem Jerusalem, die Heilige Stadt, zurückgewinnen. Der erste Kreuzzug fand in den Jahren 1096 bis 1099 nach Christus statt. Fünf weitere folgten. Es waren furchtbare Kriege, unglaublich grausame Metzeleien - und alles angeblich zur Ehre Gottes.“

„Aber Christus, hast du gesagt, hat doch Gewaltlosigkeit gepredigt. Die andere Wange hinhalten! Wie konnten die Christen dann so gewalttätig gegen diese Muslime im Morgenland sein?“

„Du hast völlig Recht. Dafür gibt es keine gute Erklärung, vor allem keine Rechtfertigung. Warum die Christen also so unchristlich handeln konnten, ist wirklich ein Rätsel. Da gab es zum Beispiel einen großen Heiligen, Bernhard von Clairvaux. Das war ein sehr frommer Mann, ein vorbildlicher Mönch. Er lebte freiwillig in völliger Armut und war ohne Unterlass ins Gebet vertieft. Und derselbe Bernhard von Clairvaux war einer der wildesten Kreuzzugshetzer, der die Christen mit seinen Predigten in den Krieg peitschte. Wie das zusammengeht, kann ich auch nicht verstehen.“

Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Aus den Kreuzzügen konnte nichts Gutes werden. Früher oder später scheiterten sie alle. Es gelang den Kreuzrittern nicht, Jerusalem auf Dauer zu halten. Am Ende siegte der Islam und behielt den Nahen Osten für sich. Die Wut der Kirche richtete sich daraufhin nach innen. Man suchte sich einen neuen Feind in der eigenen Heimat.

Nun hatten sich im 12. Jahrhundert viele Menschen von der Kirche abgewandt. Gerade die Frommen waren von der mächtigen römischen Kirche enttäuscht. Der Reichtum und die Gier der Priester, Bischöfe und Päpste ekelte sie an.

Sie bildeten Gegenkirchen und Geheimkirchen, die großen Anklang fanden, weil sie arm waren, keine Macht anstrebten und nur für ihren Glauben lebten: die Katharer zum Beispiel, eine mysteriöse, düstere Sekte, die ursprünglich aus Bulgarien kam, und die Waldenser in Italien, die so leben wollten, wie Jesus und seine Jünger es getan hatten, arm und einfach. Die Waldenser gibt es übrigens heute noch in Italien. Der Papst und seine Leute waren natürlich sehr beunruhigt. Sie gründeten neue Mönchsorden, die die Menschen zurückgewinnen sollten. Aber wer sich nicht friedlich überzeugen ließ, den zwang man mit Gewalt. Dafür war die Inquisition da. Die Inquisition war ein Gericht, das Abweichler, so genannte Ketzer, bestrafen sollte. Ein Furcht erregender Apparat entstand, eine Behörde für den richtigen Glauben. Die Inquisition spürte die Abweichler auf, folterte und tötete sie.“

„War das nicht auch die Inquisition, die Galilei angegriffen hat? Weil er gesagt hat, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Und dann musste er vor Gericht sagen, dass er sich geirrt hat, nur weil seine Erkenntnis der Kirchenlehre widersprach.“

„Du weißt gut Bescheid.“

Moritz lehnte sich vor und redete umso eifriger weiter.

„In seinem Fall hat aber die Inquisition nichts genutzt. ›Und sie bewegt sich doch‹, hat Galilei nach dem Urteil gesagt. Und heute weiß jeder, dass er Recht hatte.“

„Genau, das Denken lässt sich nicht durch Gerichte und Gewalt lenken. Aber Galilei ist glimpflich davongekommen. Andere haben ihr Leben verloren. Besonders zu hohen Feiertagen machte die Inquisition aus den Hinrichtungen große Volksfeste. Auf Scheiterhaufen verbrannte sie die Bücher der Ketzer. Wieder ging unersetzbare Literatur in Flammen auf. Und unzählige Menschen starben! Besonders schlimm wütete die Inquisition in Spanien. Dort nannte man eine Ketzerverbrennung ›Autodafé‹, das heißt übersetzt ›Demonstration des Glaubens‹. Die Inquisitoren meinten, mit ihrem Morden Gott einen Dienst zu tun und den Glauben an Christus zu verteidigen.“

„Das ist doch krank. Was hätte denn Jesus dazu gesagt?“, fragte Moritz.

„Tja, was hätte er wohl dazu sagen können?“
Sie hielt inne und dachte kurz nach.

„Ich habe mal eine Geschichte gelesen, die auf deine Frage passt. Sie stammt aus einem Roman. Ich hol ihn schnell. Ich muss sowieso mal wieder nach vorn. Vielleicht ist ja jemand gekommen.“

Moritz wartete. Draußen zog Regen auf. Im Archiv wurde es dunkler. Er griff nach einem Bleistift und kritzelte gedankenverloren auf einen Notizzettel. Als Sabine mit einem dicken Roman unter dem Arm wiederkam, brach auch die Sonne durch die Wolken. Es wurde wieder hell.

„Zum Glück keiner da. Wir sind ganz für uns. Da kann ich die Geschichte vorlesen. Aber keine Angst, ich lese dir nicht den ganzen Roman vor.“

Moritz schluckte. Er konnte gar nicht fassen, dass sie den ganzen Nachmittag allein in der Bücherei waren und Sabine nur für ihn Zeit hatte. So ein Luxus. Er legte den Stift weg und lehnte sich zurück.

Sie blätterte, bis sie die Geschichte fand. Nach einem kurzen Räuspern begann sie zu lesen:

„In Sevilla, in Spanien, haben das Volk und die Kirche ein großes Autodafé gefeiert. Auf Befehl des alten Großinquisitors haben sie zahllose Ketzer auf riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Unter den Augen des Königs, seiner Ritter, der mächtigen Herren und vornehmen Damen des Hofes, vor dem ganzen erregten Volk der Stadt - ein gewaltiges, grausiges Fest des Glaubens. Obwohl inzwischen das letzte Feuer verloschen ist, ist die Stadt noch ganz vom Brandgeruch erfüllt. Da geschieht etwas Ungeheuerliches. Nach all den langen Jahrhunderten, in denen die Menschen zu ihm gebetet und ihn doch nie gesehen haben, kommt Jesus zu ihnen. Wirklich, er ist es selbst. Wie er gekommen ist, kann niemand sagen. Aber daran, dass er es ist, kann kein Zweifel bestehen. Dabei umgibt ihn kein Heiligenschein, kein himmlischer Glanz.

Er geht durch die engen Gassen der Stadt als ein Mensch unter Menschen. Aber das Volk erkennt ihn sofort. Die Leute drängen zu ihm, berühren ihn und küssen seine Hände. Er lächelt ihnen zu und segnet sie. Kranke werden zu ihm gebracht. Er heilt sie. Das Volk lacht und weint. Da erscheint der Großinquisitor. Mit seinen Knechten und Soldaten tritt er dem Herrn in den Weg. Die Menge weicht zurück. Der Großinquisitor befiehlt seinen Leuten, den ungebetenen Gast festzunehmen. Widerstandslos lässt der Herr sich abführen und in den tiefsten und dunkelsten Kerker werfen.

Die Nacht kommt. Die Tür der Kerkerzelle öffnet sich und der Großinquisitor tritt ein. Allein. Er ist ein grauer Greis, gebeugt und schief steht er da. Lange schaut er sich stumm seinen Gefangenen an. Dann spricht er ihn an:

›Du bist es also wirklich? Du selbst? Du antwortest nicht? Auch gut, schweige! Sag nichts! Ich will nichts hören. Ich weiß eh, was du sagen würdest. Was willst du hier? Was fällt dir ein? Warum bist du gekommen, uns zu stören? Weißt du nicht, was wir mit Störern wie dir tun? Morgen schon wirst du brennen. Und das Volk, das dich heute angehimmelt hat, wird über dein Ende jubeln.Wir kommen besser aus ohne dich! Was hast du den Menschen schon gegeben? Freiheit hast du ihnen gegeben. Die Freiheit wolltest du ihnen schenken, selbst Gott zu finden, selbst das gute Leben zu wählen.

Das war kein gutes Geschenk. Schau dir die Menschen an! Schwach sind sie, dumm und schäbig, unfähig, für sich selbst zu denken. Die Menschen brauchen keine Freiheit. Sie brauchen Führung. Sie brauchen eine Macht, die ihnen sagt, was sie tun, lassen, denken und glauben sollen. Eine starke Kirche, die sie leitet. Sie sind doch wie Schafe, arme, törichte, bemitleidenswerte Tiere. Wir sind ihre Hirten. Wir weiden sie, wir führen sie, wir schützen sie und wir scheren sie. Sie kennen uns und hören auf unsere Stimme. Und wir schenken ihnen das Glück, das sie vertragen können. Und wir strafen sie, wenn sie von unserem Weg abweichen. Auch dafür danken sie uns.

Du wollest ihnen grenzenlose Freiheit schenken. Doch was sollten sie damit anfangen? Sie sind doch wie kleine Kinder. Deine Freiheit hat sie nur erschreckt, verwirrt und in die Irre geführt. Wir haben ihnen diese Freiheit abgenommen und ihnen damit den größten Dienst erwiesen. Warum also bist du gekommen? Wir brauchen dich nicht. Die Menschen brauchen dich nicht. Morgen wirst du es sehen, wie sie Holz herbeitragen, aufschichten zu einem Scheiterhaufen, um dich zu verbrennen. Damit du es nie wieder wagst, uns zu stören!‹“

Sie hatte begeistert vorgelesen, die letzten Sätze regelrecht herausgeschrien. Moritz war noch ganz gebannt. Da machte sie eine Pause und atmete tief ein. Ihre Stimme war heiser und brüchig geworden. Sie trank wieder einen Schluck.

„Aber was hat Jesus dem Großinquisitor geantwortet? Wie geht die Geschichte aus?“, drängelte Moritz.

Langsam und leise las sie den Schluss:

„Als der Inquisitor seine Rede beendet hatte, wartete er, was sein Gefangener ihm antworten würde. Der hatte ihm still und aufmerksam zugehört. Aber er sagte kein Wort. Keine Antwort. Sie sahen sich einige Minuten lang stumm an. Dann stand Jesus auf, ging auf den gebeugten Großinquisitor zu und küsste ihm auf die alten, trockenen Lippen. Und ging einfach hinaus. Er stieg aus dem Kerker, ging über die Plätze und durch die Gassen von Sevilla und verließ die Stadt. Der Großinquisitor blieb bei jedem seiner Worte. Doch der Kuss brannte ihm heiß auf den Lippen und im Herzen.“ Sie schlug das Buch zu. Moritz schwieg.