• 17. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 13. Folge

Es war, als würde Sabines Stimme noch leise nachhallen.

„Aber heute gibt es keine Inquisition mehr? Ist das jetzt alles vorbei?“, fragte Moritz schließlich und richtete sich auf.

„Nein, heute gibt es keine Inquisition mehr. Aber es hat lange gedauert. Es musste viel passieren, bis die Kirchenführer lernten, dass man den Glauben nicht mit Macht erzwingen kann. Im 16. Jahrhundert hat Martin Luther die Freiheit des Glaubens wiederentdeckt. Er hat einen neuen und eigenen Zugang zu Gott gefunden. Und in seinen eigenen Glauben ließ er sich von keinem Menschen, weder vom Papst noch von allen Bischöfen und Kardinälen hineinreden. Das war seine große Reformation der Kirche. Luther wollte eine andere Kirche. Eine Kirche, in der alle Christen gleich sind. Eine Kirche, in der Priester, Bischöfe und Päpste keine Macht haben. Eine Kirche, die keine andere Gewalt kennt als die Kraft ihrer Überzeugung. Aber sehr tolerant war auch er nicht. Vielleicht konnte er es nicht sein, weil er ganz auf sich gestellt gegen die große Kirche und ihre Verbündeten, den Kaiser und die Fürsten, kämpfte. Er konnte wunderbar schreiben und dichten. Aber er konnte auch anders. Wenn er wütend wurde, gab es kein Halten. Ich les dir mal etwas vor.“
Sie zog aus einem großen Bücherhaufen einen dicken Lederband hervor.

„Hier schimpft er auf die altgläubigen Katholiken, die seine Reformation nicht mitmachen wollten: ›Ihr habt alle Kirchen und Schulen so voll eures Drecks geschissen und mit eurem Gekotze so voll gespeit, dass kein Raum mehr da ist, und ihr wollt noch als die wahre Kirche gerühmt werden? Ja, auch wir haben einstmals der höllischen Hure, des Papstes Kirche, mit ganzem Ernst im Hintern gesteckt, dass es uns leid ist, so viel Zeit und Mühe in dem Loche schändlich zugebracht zu haben. Aber Gott sei Lob und Dank, der uns von dieser Lästerhure erlöset hat.‹“
Moritz kicherte. „Hey, ich wusste gar nicht, dass man damals schon solche Wörter gebraucht hat. Mach weiter.“

„Ach ne, das reicht schon“, sagte Sabine. „In kleinen Portionen ist es ganz lustig, aber irgendwann wird es unangenehm. Es gibt auch Stellen, wo Luther in diesem Ton über die Juden schimpft. Da vergeht einem das Lachen. Da wird einem übel. Luther hat für die Freiheit des Glaubens und Gewissens gestritten, aber es fiel ihm selbst schwer, andere Glaubensformen zu achten. Dass heute bei uns Toleranz herrscht, dass also Menschen mit unterschiedlichen Religionen friedlich zusammenleben und sich dulden, das hat noch andere Wurzeln. Nach Luthers Reformation hat es weitere Abspaltungen gegeben. Kleine Freikirchen sind entstanden. Sie wurden verfolgt und mussten Europa verlassen. Viele sind nach Amerika ausgewandert. Dort haben sie festgesetzt, dass jeder frei sein soll in seinem Glauben. Der Glaube war keine Sache der Politik mehr, sondern nur noch der freien inneren Entscheidung. In Europa gab es eine ähnliche Entwicklung. Die französische Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts machte einen Anfang, andere Revolutionen und Reformen folgten, bis Staat und Kirche klar getrennt und das Grundrecht auf Religionsfreiheit anerkannt war.“

„Und niemand wird mehr verfolgt oder gequält?“

„Ach, es fällt den Menschen so schwer zu akzeptieren, dass andere Menschen anders sind. Dass andere nicht so sind wie sie selbst, das verunsichert sie, macht ihnen Angst und bringt sie in Wut. Darum haben die Römer die Christen verfolgt, darum haben die Christen Abweichler gejagt. Oder die Hexen verbrannt. Das waren Frauen, die nicht so waren wie die Mehrheit. Darum haben sie die Juden über Jahrhunderte hinweg erniedrigt, in Ghettos gesteckt und getötet, weil sie an ihrem alten Glauben festhielten. Es ist eine blutige Geschichte. Bis heute. Vielleicht sind die Menschen so wütend, weil sie nur einen schwachen Glauben haben. Sie trauen ihrer eigenen Überzeugung nicht. Sonst würde es sie nicht so aggressiv machen, wenn andere etwas anderes denken und fühlen. Das gilt übrigens für alle Religionen.“ Sie hustete. Ihre Stimme war immer schwächer geworden.

„Ich muss jetzt unbedingt eine Pause machen. Meiner Stimme geht es zurzeit nicht so besonders. Ich muss sie schonen, sonst kann ich gleich gar nicht mehr sprechen.“
Moritz zögerte. Er konnte sich nicht losreißen. Unwillig stand er auf. Es fiel ihm schwer zu gehen.

Sabine bemerkte es. „Komm doch einfach bald wieder vorbei“, sagte sie.

Er nickte.

 

7. Kapitel

 

Über drei Wochen war es nun her, dass Paps seine letzten Sachen abgeholt und die Wohnung endgültig geräumt hatte. Aber noch immer hatte sich keine Normalität eingestellt. Dass sie jetzt zu dritt lebten - er, Anna und Mam -, konnte kein normaler Zustand sein und niemals werden. Darum erschien Moritz die Wohnung immer noch merkwürdig unwirklich. Zwar hatte Mam die Lücken, die Paps in den Regalen und Schränken hinterlassen hatte, längst aufgefüllt. Doch war eine Leere geblieben, die sich nicht schließen ließ.

Morgens etwa, wenn sie zu dritt am Küchentisch saßen, schielten Anna und Moritz unwillkürlich zur unbesetzten, vierten Tischseite. Sie konnten es nicht lassen, obwohl Mam den frei gewordenen Stuhl schon bald fortgeschafft hatte. Und abends, wenn Moritz im Bett lag und bereits eingeschlafen war, genügte ein Knacken, ein lautes Trittgeräusch im Treppenhaus, und gleich war er wieder hellwach, saß aufrecht im Bett in der sinnlosen Erwartung, Paps würde durch die Tür kommen. Es dauerte lange, bis er danach einschlafen konnte.

Moritz kam in der Wohnung nicht mehr zur Ruhe. Es war, als würde ständig ein kalter Luftzug durch die Zimmer gehen. Natürlich war das nicht der Fall. Trotzdem spürte er unaufhörlich und überall diesen leichten Kältezug im Genick - selbst im Bett.

Das Gefühl, dass sein Leben nicht mehr normal war, begleitete ihn den ganzen Tag. Mal war es ihm stärker bewusst, mal wurde es von Alltagsdingen überlagert. Aber es war immer da. Es legte sich als ein leichter Druck auf die Brust und um den Hals. Sogar im Schlaf, in seinen Träumen spürte Moritz ihn. Nur selten löste er sich. Wenn Moritz mit Anna spielte oder ihr ein Buch vorlas, das er selbst als kleiner Junge vorgelesen bekommen hatte, vergaß er die zugige Kälte und das drückende Gewicht. Aber er konnte ja nicht den ganzen Tag mit seiner sechsjährigen Schwester spielen.

Alles, was ihm früher vertraut und selbstverständlich gewesen war, erschien ihm jetzt fremd. Die Wohnung war nicht mehr sein Zuhause. Er ging durch die altbekannten Räume, als würde er etwas suchen, das er nie fände, ja, dessen Namen er nicht einmal kannte. Er kam sich verloren vor.

Die innere Unruhe milderte sich erst, wenn er auf seinem Kickboard durch die Straßen fuhr. Die schnelle Bewegung, das leichte Rollen taten ihm gut. Die Leute wichen ihm aus. Er hatte freie Bahn. Aber es war eine begrenzte Befreiung. Er konnte nicht den ganzen Nachmittag herumfahren, besonders nicht bei diesem lausigen Frühjahrswetter. Irgendwann begann er zwangsläufig, einen Unterschlupf zu suchen.

Vergeblich war er heute an der Gemeindebücherei vorbeigefahren. Am Mittwoch Nachmittag war sie geschlossen. Umsonst hatte er sich die Nase an den Fensterscheiben platt gedrückt. Sabine hatte er nicht entdecken können. Sie hatte wohl ihren freien Tag.

Moritz war weitergefahren und schon bald, ohne es eigentlich bewusst geplant zu haben, bei der alten Kirche angekommen, an ihr vorbeigerollt und auf das Altenheim zugefahren. Er wusste, dass sich Frau Schmidt über seinen Besuch freuen würde.
Es war Viertel nach fünf, als er ihren Flur entlangrollte. Er sah, wie die Schwestern schon die Tabletts mit dem Abendessen aus den Zimmern räumten. Müssen die hier früh ins Bett, dachte er.

Als er die Tür öffnete, winkte ihm Frau Schmidt zu und hielt ihren Zeigefinger an die Lippen. Er sollte leise sein. Sie waren nicht allein. Eine ältere Frau stand an Frau Sperlings Bett. Sie hatte ihre Hände gefaltet. Moritz trat ein und setzte sich ohne einen Mucks auf das Bett von Frau Schmidt.

Frau Sperling und die andere Frau sprachen gemeinsam:
„Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Alle waren still. Moritz fühlte sich leicht beklommen. Anscheinend war er zur Unzeit gekommen und in etwas hineingeraten, wo er nicht dazugehörte. Fast bereute er, gekommen zu sein. Aber er konnte jetzt nicht einfach wieder verschwinden. Schließlich befreite die fremde Frau ihn aus der Peinlichkeit. Sie beugte sich kurz zu der alten Sperling herunter, gab ihr einen Kuss, drehte sich um, verabschiedete sich von allen und verließ den Raum.

„Wer war das denn?“, fragte Moritz.

„Das war die Tochter von Frau Sperling. Sie kommt jeden Abend ihre Mutter besuchen.“

„Und warum haben sie gebetet?“

„Das machen sie immer so, jeden Tag. Erst fragt die Tochter, wie es der Mutter geht. Dann erzählt sie von ihrem Tag. Und zum Schluss beten sie das Vaterunser. Jeden Abend.“

„Beten Sie auch?“

„Ja, aber ich bete immer allein.“

„Und warum beten Sie?“

„Warum ich bete? Manchmal weiß ich es auch nicht. Ich tue es einfach. Vielleicht weil ich es schon immer getan habe. Als Kind hat meine Mutter es mit mir vor dem Schlafengehen getan. Sie saß an meinem Bett, faltete meine Hände und wir sagten ein Gebet auf. Eines kenne ich noch: ›Die Schnecke hat ihr Haus, ihr Fellchen hat die Maus. Der Sperling hat die Federn sein, der Falter bunte Flügelein. Nun sage mir, was hast denn du? Ich habe Kleider und auch Schuh und Vater und Mutter und Lust und Leben. Das hat mir der liebe Gott gegeben.‹ Du runzelst die Stirn? Na ja, es ist nur ein altes Kindergebet. Ich bin dann größer geworden, habe andere Gebete gesprochen, aber ich bin keine Nacht in meinem Leben eingeschlafen, ohne zu beten. Sonst wäre für mich der Tag nicht zu Ende gewesen.“