• 16. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 14. Folge

Und was haben Sie gebetet? Ich meine, worum haben Sie Gott gebeten?“

„Ich habe ihn in meinem Leben um so vieles gebeten. Um alles, was ich gern gehabt hätte, um alles, was mir gefehlt hat.“

„Und haben Sie es bekommen?“

„Einiges ja, anderes nicht. Aber je älter ich wurde, umso klarer wurde mir, dass es beim Beten gar nicht in erster Linie um das Bitten und Wünschen geht. Oft habe ich mir Dinge so dringend gewünscht und herbeigebetet und musste später einsehen, dass es gar keine sinnvollen Wünsche waren und dass es gut war, dass sie nicht in Erfüllung gingen. Mir hilft das Beten, um zu verstehen, was ich eigentlich wünsche. Ich sage Gott alles, was mich bewegt, was ich habe und was ich vermisse. Und wenn ich so rede und höre, klärt sich vieles auf. Vieles wird unwichtig und anderes taucht auf, an das ich vorher nicht gedacht hatte. Wenn du mich fragst, warum ich bete, dann kann ich dir nur sagen: weil ich so viel auf dem Herzen habe. Das alles gebe ich Gott in meinem Gebet. Und dann kann ich einschlafen.“

„Das klingt so einfach. Was ist denn, wenn man nicht beten kann? Das Beten funktioniert doch nicht automatisch.“

„Natürlich nicht. Es gibt auch keine feste Methode, nach der man es einüben kann. Man kann Beten nicht lernen. Das heißt, man lernt es nur, indem man es tut, indem man betet. So einfach ist das. Oder so schwer. Man muss es tun, sich zurückziehen, die Hände falten, die Augen schließen und dann versuchen, zu Gott zu sprechen und auf ihn zu hören. Das verlangt Ausdauer, Konzentration und Offenheit. Man muss warten können. Oft muss man ein sehr langes Warten aushalten. Denn häufig spürt man nichts. Aber dann kommt doch der Moment, und ich erfahre - ich kann es kaum beschreiben -, dass ich nicht zu mir selbst spreche, sondern dass Gott mich hört und mir antwortet.“

Moritz runzelte die Stirn und sah sie ungläubig an.

„Ich habe immer gebetet. Zu Hause in der Heimat, im Frieden, im Krieg, auf der Flucht, in der Fremde. Ich habe gehungert und gebetet, gegessen und gebetet, bin gelaufen und habe gebetet, habe geweint und gebetet, habe gehofft und gebetet. Manchmal denke ich, dass mein ganzes Leben an meinen Gebeten gehangen hat. Manchmal habe ich wirklich um mein Leben gebetet. Einmal, das war schon auf der Flucht, wir hatten Zwischenstation in einer Stadt machen müssen, da heulten mitten in der Nacht die Sirenen. Bombenalarm! Zum Glück gab es einen Keller in der Nähe. In der Finsternis - es musste ja alles verdunkelt sein - sind wir den Keller hinuntergestolpert. Dicht zusammengedrängt haben wir da gehockt, gezittert, gefroren und gelauscht. Kommen sie oder kommen sie nicht? Dann hörten wir die Einschläge. Der erste Einschlag war noch weit weg, aber schon gut zu hören. Dann die zweite Bombe, sie schlug sehr viel näher ein. Wir spürten, wie die Erde bebte. Jetzt die dritte - ganz in der Nachbarschaft. Wir wurden durchgerüttelt. Staub und Mörtel rieselten von den Kellerwänden. Wir warteten auf die vierte. Es waren immer vier Bomben, das hatten uns die Leute erzählt. Die vierte, das war jedem von uns im Keller klar, würde uns treffen und begraben. Es war zum Verrücktwerden. Da habe ich gebetet. Es mögen nur einige Sekunden gewesen sein, aber mir schien es eine Ewigkeit. Ich betete wie eine Besessene. Meine Hände hatte ich nicht gefaltet, sondern fest ineinander gekrallt. Ich habe gebetet und gewartet, gewartet und gewartet, was kommt. Aber es kam nichts. Keine vierte Bombe. Sie kam einfach nicht. Es verging eine lange Zeit, bis ich die Finger löste und aufschaute. Aber der Spuk war zu Ende. Die vierte Bombe, die uns alle in den Tod reißen sollte, war nicht gekommen. Gott sei Dank!“

„Und Sie meinen, dass die Bombe nicht fiel, weil Sie gebetet haben?“

„Das will ich nicht sagen. Vielleicht hat die vierte einfach nicht gezündet, das kam gar nicht so selten vor. Dass wir überlebt haben, ist kein Beweis dafür, dass mein Gebet geholfen hat. Aber zumindest bin ich nicht verrückt geworden. Und das ist auch etwas wert.“

Frau Schmidt lächelte. Moritz war nicht zufrieden.

„Aber wenn es letztlich Zufall ist, was geschieht und ob meine Bitten erfüllt werden oder nicht, ist es doch egal, ob ich bete oder es sein lasse.“

„Nein, das ist nicht egal. Denn das Beten dreht sich gar nicht so sehr um meine Bitten. Eigentlich steht hinter allen Bitten nur eine einzige Bitte - die dritte Bitte des Vaterunsers: ›Dein Wille geschehe.‹ All die unzähligen andern Bitten hängen im Letzten nur an dieser Bitte. Weißt du, in meinem Alter gibt es sowieso nicht mehr viel zu wünschen. Als junger Mensch will man dies und das und jenes, tausend Dinge. Im Alter lässt das nach. Es gibt immer weniger zu wünschen. Am Ende nur noch dieses: ›Dein Wille geschehe.‹ Darum ist für mich das Vaterunser das beste, das vollkommene Gebet. Ich habe lange noch mit meiner Mutter zusammengelebt. Und nachts haben wir es so gemacht wie Frau Sperling und ihre Tochter. Wir haben gemeinsam das Vaterunser gebetet. Dann erst hatte der Tag sein Ende erreicht und wir konnten zu Bett gehen. Deshalb schaue ich den beiden immer gern zu, wenn sie beten. Das erinnert mich an meine Mutter. Für uns gehörte das Gebet so fest zum
Tagesablauf wie die großen Feste zum Jahreslauf. Wie es kein Jahr ohne Weihnachten gab, gab es keinen Tag ohne ein Gebet.“

Sie hielt kurz inne. „Ach, Weihnachten“, seufzte sie. „An Weihnachten hängen goldene Erinnerungen. An denen kann ich mich wärmen wie an einem Kaminfeuer. Hier habe ich das auch bitter nötig.“

Moritz und Frau Schmidt saßen stumm nebeneinander und sahen zu Boden. Sie waren beide plötzlich müde. Draußen war es dunkel geworden. Aus den Augenwinkeln schaute Moritz zu Frau Schmidt herüber. Es war, als ob ein Schatten über ihr Gesicht lief.
Nach einer Weile sagte Frau Schmidt: „Es ist schon spät.“

Sie richtete sich auf und drehte den Kopf zum Fenster.

„Schau mal, was für einen schönen runden Mond wir heute haben.“ Dann summte sie:
Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.
So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und lass uns ruhig schlafen.
Und unsern kranken Nachbarn auch!“

Sie sah ihn an. „Das haben wir früher nach dem Abendgebet gesungen. Und dann sind wir eingeschlafen.“

Moritz kamen diese Verse seltsam vertraut vor. Ob die kleine Oma sie ihm früher vorgesungen hatte?

Vom Nachbarbett kam ein rasselndes Schnarchen. Frau Sperling schlief fest und tief.

„Ich werde mich auch gleich hinlegen“, sagte Frau Schmidt. „Ich kann nicht mehr sitzen. Es war ein langer Tag, mir tut alles weh. Mit mir ist nicht mehr viel los. Dass ich so schwach geworden bin!“

Wieder huschte dieser dunkle Schatten über ihr Gesicht. Moritz zögerte kurz, dann griff er nach seinem Kickboard.

„Dann - auf Wiedersehen!“, sagte er.

„Ja, auf Wiedersehen!“

 

8. Kapitel

 

Als Moritz am nächsten Tag in die Bücherei kam, musste er nicht lange nach Sabine suchen. Sie arbeitete am Computer.

„Hallo, Moritz! Schön, dass du kommst. Endlich eine Abwechslung. Wie geht’s?“

„Ganz gut. Und dir?“

„Alles in Ordnung, ich bin nur ein bisschen genervt. Ich habe so viel zu tun. Eigentlich wollte ich das Bücherräumen zu Ende bringen. Aber jetzt sitze ich am PC.“

„Was machst du denn da?“, fragte Moritz neugierig.

„Wir haben diesen Computer geschenkt bekommen, komplett mit Internetzugang, allem Drum und Dran. Eine großzügige Spende und ein wirklich gutes Gerät. Ich möchte ihn den Besuchern zugänglich machen und wollte eine Liste zusammenstellen mit guten Internetseiten. Dann könnten sich die Besucher ihre Informationen schnell und aktuell selbst besorgen und ich könnte das eine oder andere Buch aussortieren. So hätte ich wieder Platz gespart. Aber das dauert mir alles zu lange. Bis sich diese Seiten aufgebaut haben! Ich sitze da und warte, obwohl ich eigentlich die Regale fertig machen möchte. Man soll eben nie zwei Sachen zugleich machen.“
Sie streckte sich und gähnte.

„Ich könnte dir helfen. Mit Computern kenn ich mich aus.“ Moritz stockte. „Äh, ich will nicht angeben, aber mein Vater hat auch so einen PC und im Internet surfen mach ich gern.“

„Dann komm doch zu mir her.“

Moritz stellte sein Kickboard hin und setzte sich zu Sabine vor den Computer. Heute trug sie wieder die schwarze Jeans, jetzt mit einem schwarzen Rollkragenpullover. In ihren kurzen Haaren trug sie Haarspangen. Es waren Kinderhaarspangen, wie Anna sie auch hatte. Aber es sah bei ihr gar nicht kindlich aus, sondern richtig gut.

„Erklären muss ich dir also nichts. Super! Vielleicht fängst du mit Religion an und suchst Seiten, auf denen man Informationen über das Christentum und die verschiedenen Kirchen findet. Die richtigen Suchmaschinen kennst du wahrscheinlich selbst.“

Moritz nickte.

„Ach, Mensch, Moritz, das ist ja echt toll.“

„Mach ich doch gern.“ Er starrte auf den Bildschirm.

„Dann kann ich mich ja ans Bücherräumen machen.“
Sabine stand auf und ging um den Tisch.

„Dein Kickboard ist übrigens ziemlich gut. Darf ich mal?“

„Klar.“

Sabine stellte sich drauf und rollte los. Sie lachte. „Macht Spaß.“ Sie drehte eine kleine Runde und machte dabei eine gute Figur, fand Moritz. Nur beim allerersten Antreten hatte sie etwas gewackelt. Dann fuhr sie sicher und elegant.

„Ich mach mich mal auf die Reise. Wenn was ist, rufst du mich, ja?“
Sie rollte davon. Moritz beugte sich weit über den Tisch, um ihr so lange wie möglich nachzuschauen. Dann war sie zwischen den Regalen verschwunden. Er machte sich an die Arbeit.

Nach gut eineinhalb Stunden kam Sabine zurückgerollt.

„Na, was hast du gefunden?“

„Hier ist gerade was Gutes. Das musst du dir ansehen.“

Sabine setzte sich neben Moritz.
Moritz hatte „www.superjesus.de“ angewählt. Von der Startseite schaute sie wieder so ein kitschiges Jesusbild an: weicher Fusselbart, gewellte Hippiehaare, sanfter Liebesblick. Darunter blinkte ein Schriftzug auf: „Beichten Sie online!“