• 12. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 15. Folge

Und was machen wir jetzt?“, fragte Sabine.
„Wir beichten“, antwortete Moritz und klickte den Schriftzug an. Jetzt erschienen auf dem Bildschirm die Zehn Gebote:

„1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Gottesbild machen, das du anbetest und dem du dienst.

2. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

3. Du sollst den Feiertag heiligen.

4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

5. Du sollst nicht töten.

6. Du sollst nicht ehebrechen.

7. Du sollst nicht stehlen.

8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

9. Du sollst nicht begehren, was deines Nächsten Haus.

10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.“

Darunter stand in roten Buchstaben: „Klicke die Gebote an, gegen die du verstoßen hast.“

„Mal sehen, was das Programm draufhat“, sagte Moritz und klickte alle Gebote an, so als hätte er in der letzten Zeit getötet, gestohlen, die Ehe gebrochen, andere Götter verehrt - die ganze Liste eben.

„Hey, du hast ja ganz schön was auf dem Kerbholz! Vor dir muss ich mich wohl besser in Acht nehmen“, lachte Sabine. Auf dem Bildschirm erschien nun die Frage: „Hast du dies bewusst oder unbewusst getan?“

„Wenn schon, denn schon“, murmelte Moritz und klickte „bewusst“. „Bin gespannt, was ich für eine Strafe bekomme.“

Er drückte auf „send“. Aus den kleinen Lautsprechern kam ein alter Mönchsgesang, der Bildschirm wurde pechschwarz und eine Stimme sagte: „Bete zwei Vaterunser für deine Sünden, dann wird dir Gott vielleicht verzeihen.“

„Das nenne ich billig“, kicherte Sabine. „Bewusst gegen alle Gebote verstoßen und dann zweimal kurz beten! So ein Quatsch! Kannst du nicht auch was Vernünftiges finden, das sich unseren Lesern empfehlen lässt?“

„Ich habe die Liste hier ausgedruckt.“ Moritz gab ihr vier eng bedruckte Seiten.

„Du bist echt ein Schatz! Ich könnte dich küssen.“

Moritz fühlte sich glücklich. Dass er ein bisschen rot geworden war, störte ihn dieses Mal gar nicht.

„Das ist nur eine ganz kleine Auswahl. Als ich bei der Suchmaschine zuerst ›Christentum‹, ›Jesus‹ oder ›Kirche‹ eingegeben habe, habe ich über tausend Seiten genannt bekommen. Da kommt kein Mensch durch.“
Moritz streckte sich.

„Aber schließlich habe ich ein paar Seiten herausbekommen, die man auch für den Religionsunterricht benutzen kann.“ Er gähnte und rieb sich die Augen. „Ich hätte auch nie geglaubt, dass es so viele Kirchen gibt. Da wird einem ganz schwindelig. Wie viele sind das insgesamt? Das weißt du doch bestimmt. Als große Religionsexpertin.“

„Willst du mich aufziehen?“

„Ich doch nicht!“ Er grinste. „Würde ich nie wagen. Aber du weißt doch sonst alles darüber. Also, wie viele sind es?“

Sie sah ihn kurz von der Seite an und zog die Augenbrauen hoch. Dann lächelte sie zurück.

„Du redest wie ein Quizmaster. Aber ich bin keine Kandidatin und wir sind hier doch nicht im Fernsehen. Na, egal. Also, um ehrlich zu sein, die genaue Zahl aller Kirchen weiß ich nicht. So eine tolle Expertin bin ich wohl doch nicht. Es müssen unendlich viele sein. Es gibt katholische, evangelische, orthodoxe, baptistische, evangelikale, charismatische Kirchen. Und jede von ihnen ist wieder in viele Unterkirchen geteilt. Vor kurzem hab ich zufällig gelesen, dass es allein in Jerusalem, der heiligen Stadt, über hundert Kirchen und Konfessionen gibt.“

„Warum das denn? Eine würde doch reichen.“

„Die Christen haben es nie in nur einer Kirche ausgehalten. Von Anfang an haben sich unterschiedliche Christen in unterschiedlichen Gemeinschaften versammelt. Sie haben den Gottesdienst jede auf eigene Weise gefeiert und die christlichen Lehren verschieden interpretiert. Das war schon immer so. Es gibt ja auch nicht nur ein Evangelium, das die Geschichte Jesu erzählt, sondern vier. Mit dem Glauben ist es wie mit einem Lied. Selbst wenn nur zwei Menschen das gleiche Lied singen, klingt es jeweils anders. Jeder hat seine unverwechselbare Stimme, seinen eigenen Atem, einen etwas anderen Herzschlag. Das verändert das Rhythmusgefühl, die Färbung der Melodie. Jeder hat seine besondere Lebensgeschichte. Darum hebt er bestimmte Worte und Töne hervor, singt fröhlicher oder nachdenklicher. Jeder macht das, was er singt, zu seinem Lied. Ähnlich ist es mit dem Christentum. Die allerersten Christen, die ja Juden waren, haben es anders aufgefasst und gelebt als die, die später dazukamen: die Griechen, Syrer, Römer, Germanen, Perser, Armenier, Afrikaner. Dass es so viele Kirchen gibt, ist eigentlich ganz natürlich.“

„Aber irgendwie müssen sie doch zusammenhängen“, hakte Moritz nach.

„Das tun sie auch. Doch das ist eine wirklich verwickelte Geschichte. Wir haben ein Buch mit einem Schaubild, das einen guten Eindruck vermittelt. Warte, ich hol es.“

Sie schleppte einen riesigen Atlas an, legte ihn auf den Tisch und schlug ihn auf. Moritz sah das Bild eines mächtigen, hohen Baumes mit großer, weiter Krone. Sabine setzte sich halb auf den Tisch, gleich neben den Atlas.

„Das ist der Baum der Kirchen. Etwas ungenau ist er natürlich wie jedes Schaubild. Immerhin gibt er aber eine Ahnung davon, worum es geht. Du siehst einen Baum. Das heißt, wenn du genauer hinschaust, erkennst du, dass es nicht ein einziger Baum ist, sondern eine Baumgruppe, die aber gemeinsame Wurzeln hat. Die Wurzeln sind die Evangelien. Aus diesen gemeinsamen Wurzeln sind die Kirchen hervorgegangen. Du siehst unten zwei starke Grundstämme. Der rechte Stamm - das sind die orthodoxen Kirchen des Ostens.“

„Was heißt ›orthodox‹? Ist das schon wieder hebräisch? Übersetz doch mal!“

„Nein, das ist griechisch und heißt ›rechtgläubig‹. Die orthodoxen Kirchen wollen treu zur ursprünglichen rechten Lehre stehen und zur alten Liturgie, also der Form des Gottesdienstes. Die Orthodoxie ist eine Familie von Kirchen, die sich je nach Nation und Volk eigenständig organisiert. Hier siehst du, wie sich die Äste gabeln in die griechisch-orthodoxe Kirche, die russisch-orthodoxe, die rumänisch-orthodoxe, die serbisch-orthodoxe, die bulgarisch-orthodoxe und so weiter. Diese Kirchenschwestern haben noch entfernte, ältere Cousinen: die orthodoxen Kirchen des Alten Orients. Ihre Ursprünge sind geheimnisvoll und sagenumwoben: die armenisch-apostolische Kirche, die äthiopisch-orthodoxe Kirche, die koptische Kirche in Ägypten und die syrisch-orthodoxe Kirche. Obwohl sich der Baumstamm der orthodoxen Kirchen schnell verästelt, haben die einzelnen Kirchen viel gemeinsam. Sie sind sehr traditionsbewusst, man kann auch sagen: misstrauisch gegen alle Neuerungen. Darum wirken sie auf uns so altertümlich. Die Priester haben lange Bärte und tragen im Gottesdienst prächtige Gewänder. Überhaupt sind ihre Gottesdienste sehr feierlich und förmlich, noch viel weihevoller als bei uns etwa die katholischen Messen. Ihre Kirchen sind voller Bilder - Ikonen nennt man sie -, auch sie sind ganz unmodern. Seit Jahrhunderten werden sie auf exakt dieselbe Art gemalt. Die Ikonen sind den Orthodoxen sehr wichtig. Nicht dass sie die Bilder anbeten würden. Aber sie sind für sie ein sichtbarer Abglanz des unsichtbaren Gottes, eine Tür zum Himmel. Die Bilder sind herrlich - in einem wunderbaren Goldton gemalt. Noch herrlicher ist der Gesang der Orthodoxen. Er gibt ihren Gottesdiensten eine himmlische Schönheit. Man muss es selbst gehört haben, wie orthodoxe Priester singen, tief und mächtig. Das kann einem kein Buch zeigen - es ist einfach nicht von dieser Welt.“

Moritz schaute gar nicht mehr auf das Schaubild, sondern sah Sabine beim Sprechen zu. Was für einen schönen Mund sie hatte, geschwungene rote Lippen, die keine Schminke brauchten.

„Hörst du mir eigentlich zu?“, fragte sie.

„Nicht von dieser Welt“, echote Moritz ihre letzten Worte. „Äh, und was bedeutet der andere Stamm?“

„Äh, äh“, ahmte sie ihn nach und lachte. „Na gut, der linke Stamm sind die Kirchen des Westens. Dieser Stamm ist höher und verästelt sich erst später als der rechte. Dieser Stamm ist die katholische Kirche, genauer gesagt die römisch-katholische Kirche. Sie hat eine festere Organisation. Sie ist eine weltweite Kirche und beschränkt sich nicht auf einzelne Völker oder Nationen. ›Katholisch‹ heißt ›allgemein‹ oder ›das Ganze betreffend‹. Sie ist die größte in sich geschlossene Kirche der Welt. Diese Geschlossenheit verdankt sie ihrer guten Organisation, ihrer festen Lehre, dem Zusammenhalt ihrer Bischöfe und ihrem Oberhaupt, dem Papst. Der Papst war ursprünglich nur der Bischof von Rom, also einer unter vielen. Doch weil Rom die Hauptstadt des Römischen Reiches war und diese Stadt eine besondere Bedeutung für die Christen hatte - der Legende nach soll Petrus hier gewirkt haben und gestorben sein -, wurde der Papst zum Bischof aller Bischöfe. Seine Macht wuchs. Im Mittelalter wurde er zum wichtigsten Konkurrenten des Kaisers, des obersten politischen Machthabers. Er hatte ein eigenes Herrschaftsgebiet, einen Hofstaat, eine eigene Armee. Er war eine Art Gegenkaiser. Noch heute ist der Vatikan, sein Wohnsitz in Rom, ein eigenes Staatsgebiet. Aber für die Katholiken ist nicht seine politische Macht wichtig, sondern seine religiöse Autorität. Der Papst verbürgt die Richtigkeit des Glaubens und des Lebens. Er hat das letzte, entscheidende Wort in Glaubensfragen. Die Katholiken glauben, dass der Papst in Glaubensfragen nicht irren kann. Darum erklärten sie ihn im 19. Jahrhundert für unfehlbar.“

„Der Papst kann keine Fehler machen? Dann ist er ja gar kein richtiger Mensch mehr!“

„Natürlich ist der Papst ein Mensch. Und Fehler kann er auch machen. Er ist nicht in allen Dingen unfehlbar. Nur wenn es um Glaubensfragen geht, so meinen die Katholiken, dann kann er sich nicht irren, sondern sagt die reine Wahrheit über Gott.“

„Wie soll ein Mensch das denn können?“ Moritz schüttelte den Kopf.

„Und wieso hat sich der westliche Baumstamm aufgespalten?“

„Dazu kam es erst durch Martin Luther im 16. Jahrhundert. Die protestantischen oder evangelischen Kirchen lösten sich von der katholischen Kirche. Martin Luther hatte die Bibel sehr intensiv studiert und eine neue Theologie entwickelt, die der offiziellen katholischen Lehre widersprach. Er hatte einen eigenen Zugang zu Gott gefunden und meinte, keinen Papst mehr zu brauchen.“

„Er glaubte also nicht daran, dass der Papst unfehlbar ist?“