• 16. August 2006
  • Ausgabe 33/2006

Kinder bekommen um jeden Preis?

In Deutschland sind etwa zwei Millionen Paare ungewollt kinderlos. Rund 40 000 Männer und Frauen versuchen, mithilfe der Medizin Eltern zu werden. Über die Sehnsüchte und Probleme mit dem Kinderkriegen sprach Martin Sterr mit der 42-jährigen Psychologin Kerstin Giesa.

Frau Giesa, warum wollen Paare, die in Ihre Praxis kommen überhaupt Kinder?

Für die meisten gehören Kinder einfach zum Leben dazu. Und zwar dann, wenn es in die Lebensplanung passt. Ein Kind ist für einige dann ein wesentlicher Baustein, der zu einem erfolgreichen Leben fehlt. Oft sind diejenigen, die dann alles in Bewegung setzen, sehr ehrgeizige Menschen, die es gewohnt sind mit genügend Einsatz erfolgreich zu sein. Da findet man manchmal die Auffassung: Wenn ich mich reinhänge, dann klappt das auch. So werben übrigens auch einige Anbieter von Fertilisationen. In den Werbeunterlagen heißt es: Wir schaffen das! Wenn sich der Erfolg nicht einstellt, stehen die Paare dann vor einem schwer lösbaren Problem.

Warum können sich manche Paare nicht damit abfinden, dass es mit dem Kinderkriegen trotz aller medizinischen Unterstützung nicht klappt?

Eine 29-jährige Klientin sagte mir einmal: „Ich wollte schon immer ein Kind, das geht gar nicht anders. Sonst müsste ich doch mein ganzes Leben infrage stellen und dazu bin ich nicht bereit.“ Zu verzichten fällt uns heute schwerer. Ich habe das Gefühl, dass wenn es nicht klappt, der Wunsch immer größer wird. Je mehr Energie ein Mensch in eine Sache investiert, desto wertvoller wird sie meist.

Spielen für Paare auch ethisch-moralische Überlegungen eine Rolle. Also die Frage, ob man tatsächlich alles medizinisch Mögliche auch machen soll?

Viele Paare, die in meine Praxis kommen, wollen im Prinzip alles machen, was möglich ist und fragen sich meist nicht, ob bei jeder fehlgeschlagenen Fertilisation ein befruchteter Embryo weg geht. Einige, die ich begleite, wollten schon ins Ausland, z.B. nach Tschechien gehen, weil dort ein liberaleres Embryonenschutzgesetz gilt. Ich halte sie davon nicht ab, aber ich versuche mit ihnen zu klären, warum sie dies tun, was ihre eigentliche Motivation ist.

Viele verheimlichen die Behandlungen vor den Freunden und Verwandten, gerade auch weil sie einer moralisch-ethischen Diskussion aus dem Weg gehen wollen. Bei anderen dominiert eher die Angst, dass sie sich später Vorwürfe machen müssen, dass sie nicht alles medizinisch Mögliche versucht hätten, um Kinder zu bekommen.

Wer kommt denn in Ihre Beratung?

Es sind Paare oder Frauen im Alter von Ende 20 bis Anfang 40. Die einen möchten eine psychologische Begleitung, um die medizinischen Verfahren durchzustehen – eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Die anderen kommen, weil sie mit medizinischen Behandlungen gescheitert sind oder ihnen das Abschiednehmen vom Kinderwunsch schwer fällt.

Wie „bewältigt“ man das Abschiednehmen?

Das ist tatsächlich nicht so einfach. Die Paare oder Frauen, die kommen, haben ja eine sehnsucht oder die feste Überzeugung: Es muss ein eigenes Kind sein. Ich versuche dann erstmal den ganzen Prozess zu entschleunigen.

Doch Zeit haben doch die wenigsten?

Stimmt. Bei vielen jagt ein Arzttermin den anderen. Hier ist es sinnvoll, den psychischen Druck und die Anspannung herauszunehmen. Ja und für die Paare, die sich von dem Wunsch eines leiblichen Kindes verabschieden müssen, geht es als erstes darum, den Schmerz zu bewältigen, dass sie keine eigenen Kinder mehr bekommen werden. Also die Trauerarbeit. In einem weiteren Schritt erarbeiten wir dann gemeinsam Perspektiven. Da schaue ich mir das Leben der Menschen an und frage: Womit haben sie sich gerne beschäftigt oder was schlummert in ihnen? Wir versuchen, die Lebenslust neu zu entdecken. Bei vielen tritt mit der Verabschiedung vom Kinderwunsch auch eine Entspannung ein. Manche Frauen wünschen sich eigentlich schon viel früher, dass ein Arzt oder der Partner sagt: Komm jetzt ist Schluss, wir hören auf !

Wofür steht denn das eigene Kind?

Häufig dafür, etwas Eigenes zu haben. Manche - vor allem Männer - möchten auch ihre Gene vererben. Andere möchten auch ihre Werte und ihr Können weitergeben. Viele wollen im Kind ihren Partner wiederfinden. Deshalb ist es für diese Menschen so schwierig, ein Kind zu adoptieren. Oder das Baby wird als etwas bindendes oder krönendes der Partnerschaft gesehen. Manche Frauen wollen einfach auch die Erfahrung einer Schwangerschaft erleben.

Was passiert eigentlich, wenn es mit dem Kinderwunsch geklappt hat. Sind die Eltern dann rundum glücklich?

Die meisten ja, aber nicht alle. Es gibt Paare, die kommen zu mir, weil sie nach der Geburt des langersehnten Kindes Probleme haben. Viele haben über Jahre eine Idealvorstellung - eine Art Bild der „Heiligen Familie“ - genährt und sich Kinder immer nur schön vorgestellt. Die Alltagsrealität sieht anders aus z. B. in der Sexualität. Plötzlich ist die Partnerin nur noch Mutter, so hatte sich der Mann das nicht gedacht. Oder die Frauen sagen: Wir haben doch jetzt ein Kind, warum dann noch Sex? Und dann kommen noch die Probleme hinzu, die man während des Projekts Kinderkriegen zurückgestellt hatte.

Werden Kinderlose wieder glücklich?

Der leise Wunsch wird bleiben, aber die Angst, dass man sein Leben lang unglücklich bleibt, ist unbegründet. Wenn die Phase der Trauer überstanden ist und neue Perspektiven gefunden wurden, sind kinderlose Paare genauso glücklich wie andere auch.

Information und Kontakt: www. kymodoke.de. Hilfreich ist auch das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch: www.bkid.de