• 18. October 2006
  • Ausgabe 42/2006
  • von Erhard Trusch

Auf den Spuren der Auswanderer

ITZEHOE – Ruth Dankert aus Itzehoe und Christel Mohr-Rau aus Weil bei Stuttgart haben ein gemeinsames Hobby: die Ahnenforschung. Bei der Suche nach ihren Vorfahren sind sie sich durch einen Zeitungsartikel näher gekommen. Auslöser war ein Foto von den Eheleuten Wanda und Peter Carl Friedrich Hansen, den Großeltern von Ruth Dankert. Diese waren bereits vor dem ersten Weltkrieg mit anderen Gleichgesinnten nach Sibirien ausgewandert.

Das Ehepaar gehörte einer wenig bekannten evangelischen Glaubensrichtung an, den so genannten Exodusgemeinden, die wegen des nahenden Krieges das Ende der Welt in greifbarer Nähe vermuteten und in Sibirien einen Bergungsort für die Mitglieder ihrer Kirche gründen wollten.

Am 15. Dezember 1913 machten sich die ersten Familien auf die beschwerliche Reise mit dem Zug. Im April 1914 folgten die nächsten Auswanderer. Die Eheleute Hansen bekamen sechs Kinder, allesamt in Sibirien geboren. Darunter war auch Hermann Hansen, Ruth Dankerts Vater.

In Priwalnoje im Bezirk Omsk errichteten die Auswanderer eine kleine Siedlung und versuchten, dort nach sehr strengen religiösen Regeln und mit eiserner Disziplin zu leben. Männer und Frauen waren getrennt nach Geschlechtern untergebracht. Bereits Verheiratete durften nur an zwei Tagen am Wochenende zusammenkommen. Eine Eheschließung von neuen Paaren galt in der befürchteten Endzeit als zu weltlich und war deshalb strikt verboten. Auch die Erziehung der Kinder erfolgte nach überaus strengen Regeln. Selbst kleine Kinder wurden bei Verstößen hart bestraft, zum Beispiel durch tagelangen Entzug der Nahrung und eisernes Schweigen. Sie mussten wie Ausgestoßene leben. Die Erziehung der Kinder, die von ihren Eltern getrennt wurden, hatten einige ältere Frauen übernommen, die selbst keine Feldarbeit mehr leisten konnten. Sie gingen mit großer Härte vor. Die Kinder durften ihren Eltern nichts von den vielen Schlägen erzählen, denen sie fast täglich ausgesetzt waren, sonst hätten sie weitere Prügel zu befürchten gehabt.

In den alten Unterlagen wird auch von dem Zimmermann Tode und seiner Verlobten berichtet, einem jungen Paar, das sich nicht an die Regeln hielt und heiraten wollte. Sie wurden unter Flüchen aus der Glaubensgemeinschaft ausgestoßen.
Heinrich Schnoor, der Leiter der Gemeinde, auch „Vater“ genannt, versuchte mit großer Strenge, seine Schäfchen zusammenzuhalten. Als er 1917 starb, übernahm Claus Mohr, der Großonkel von Christel Mohr-Rau, zusammen mit seiner Schwester Anna, der Witwe von Heinrich Schnoor, als zweiter „Vater“ die Leitung.

Selbst den streng gläubigen Großeltern von Ruth Dankert wurden die Repressalien der Gemeindeleitung zu viel. Sie verließen, vermutlich im Jahre 1925, heimlich bei Nacht die Glaubensgemeinschaft und bekamen bei dem ausgestoßenen Zimmermann Tode Unterschlupf. Der kümmerte sich auch weiter um die Familie Hansen. Peter Hansen erhielt im selben Dorf eine Anstellung als Küster, Lehrer und Prediger und konnte mit seinem geringen Einkommen seine Familie nur mühsam über Wasser halten. Die Kontakte zu den Glaubensgeschwis-tern aber wurden auch da nicht völlig abgebrochen.

„All die Drangsale und Schwierigkeiten, vor denen die Gemeinschaft eigentlich fliehen wollte, hat sie in Sibirien dann erst recht erleben müssen. Es muss eine sehr große Not geherrscht haben“, erzählt Ruth Dankert. „Meine Großmutter, nach den Bildern zu urteilen eine früher einmal sehr schöne Frau, war nach wenigen Jahren total ausgemergelt und nicht mehr wiederzuerkennen.“ Ruth Dankert zeigt auf verschiedene Fotos, zwischen denen nur relativ wenige Jahre liegen. Am 13. Januar 1930 starb die Großmutter mit nur 38 Jahren. So stand ihr Mann mit sechs zum Teil noch recht kleinen Kindern allein da.

Wegen seines Glaubens und seiner Unterstützung der Bauern gegen die herrschende Klasse zog Hansen sich den Unwillen der Machthaber zu, die ihm schließlich nach dem Leben trachteten. Er wollte nach Deutschland zu-rückkehren, doch das wurde ihm nicht leicht gemacht. Man drohte ihm schließlich mit Erschießung, weil er den Machthabern zu unbequem geworden war. Hansen musste sogar sein eigenes Grab schaufeln. Als er schon am Grabesrand stand, wurden ihm in letzter Minute die Ausreisepapiere gebracht.

Die Christenverfolgung nahm Mitte 1930 weiter zu. Alle christlichen Gruppen wurden zerschlagen, manche versuchten zu fliehen. In einer letzten verzweifelten Meldung, die 1939 in Deutschland eintraf, bat Anna Schnoor, ja keinen Kontakt mehr zu ihr aufzunehmen, da sie das Schlimmste zu befürchten hatte. Ihr weiterer Verbleib liegt im Dunkeln.

Die siebenköpfige Familie Han-sen kam 1930 schließlich in Hamburg an, wo die Kinder wegen der großen Armut in Pflegefamilien und Waisenhäusern untergebracht wurden. „Großvater starb 1943 bei einem Luftangriff auf Hamburg. Und mein Vater musste als Soldat nach Russland“, erzählt Ruth Dankert. Die Ahnenforscherin ist weiter auf der Suche nach Verwandten und anderen Angehörigen der Glaubensgemeinschaft. Wer helfen kann, kann sich mit ihr unter Telefon 04821/71175 in Verbindung setzen.