• 1. November 2006
  • Ausgabe 44/2006
  • von Sven Kriszio

„Vielleicht hatte Jessicas Tod einen Sinn“

Hamburg – Im türkischen Grill-Imbiss an der zentralen Kreuzung in Jenfeld sieht man sie nicht. Auch ein Blick nach draußen offenbart nichts Auffälliges – Menschen mit Einkaufstüten, Autos, aber kein einziges Kind in dreckiger oder zerschlissener Kleidung. Wo ist die Kinderarmut, die aus diesem Stadtteil Hamburgs eine traurige Berühmtheit machte?

Mit versteckter Armut hat Thies Hagge zu tun, seitdem er Pastor an der Friedenskirchengemeinde in Jenfeld ist: „Wir feierten Weihnachten, als plötzlich ein Kind vor unserer Tür stand“, so Hagge. Die Mutter hatte es einfach vor die Tür gesetzt, weil sie einen neuen Freund hatte und Ruhe haben wollte. Der Jenfelder Pastor nahm es vorübergehend auf. „Solche Fälle von materieller und emotionaler Verwahrlosung gibt es hier zuhauf“, so Hagge – und er hilft, so gut er kann.

Der Tod der siebenjährigen Jessica im März vergangenen Jahres sorgte nicht nur deutschlandweit für Bestürzung, sondern rüttelte den Pastor auf: „Mich packte das schiere Entsetzen. Sie war von ihren Eltern über Jahre eingesperrt worden und vegetierte kaum 200 Meter von meinem Pastorat entfernt dahin“, so Hagge. Zu dem Zeitpunkt war er schon knapp zehn Jahre in der Gemeinde tätig, die eher eine bürgerliche Enklave bildete. Hagge spürte, dass eine weitere Kindergruppe nichts ändern würde, und betete. Durch eine „wundersame Führung“, wie Hagge es nennt, bekam er einen Artikel über die Arche in Berlin-Hellersdorf in die Hände.

„Vielleicht konnte der Tod von Jessica doch einen Sinn haben“, dachte Hagge und schöpfte Mut, als ganz Jenfeld noch trauerte. „Hier eine Arche – das wärs’s. Die Verbindung von Glauben und Sozialarbeit würde den Stadtteil verändern“, hoffte Hagge.

Seit Januar 2006 gibt es nun die aus Spenden finanzierte und mit der Friedenskirchengemeinde kooperierende Anlaufstelle für Kinder und Ju-
gendliche in einem der Gemeindehäuser der Friedenskirche (Barsbütteler Straße 7) – auf den ersten Blick eine Mischung aus Kindergarten und Jugendfreizeitheim. Doch die Arche Jenfeld ist weder Kita noch Heim: „Die Arche will eine Art Familienergänzung sein“, beschreibt Hagge die Arbeit. „Alles zielt darauf, freundschaftliche Beziehungen zwischen den Kindern und den Erziehern aufzubauen.“

Was für Pädagogen illusorisch erscheinen mag, funktioniert offensichtlich in Jenfeld. Drei Mitarbeiter und gut 20 Ehrenamtliche kümmern sich um bis zu 100 Kinder, die in der Arche täglich kostenlos Mittag essen, ihre Hausaufgaben machen und spielen, toben oder einfach kickern können. „Die Kinder kommen, weil sie eine Beziehung zu den Mitarbeitern aufgebaut haben“, betont der 39-jährige Pastor. Bis Ende 2007 wird ein zweistöckiger Neubau der Arche auf einer Fläche von 300 Quadratmetern errichtet.

Wie die Arche in Berlin, die im Wohnzimmer des freikirchlichen Pastors Bernd Siggelkow entstanden ist, so arbeite auch die Arche in Jenfeld nach dem Prinzip der Heilsarmee „Seife, Suppe, Seelenheil“, schmunzelt Thies Hagge. Es werde jedoch nicht „aggressiv missioniert“. Einmal in der Woche findet eine so genannte Kinderparty statt, wo auch christliche Geschichten erzählt werden. Außerdem gebe es einen Bibelkreis. „Der entscheidende Unterschied zu den übrigen Angeboten für Kinder und Jugendliche in Jenfeld sei jedoch das tägliche Angebot, das die Kinder von der Straße holen soll, betont Pastor Thies Hagge. „Fälle wie Jessica sind zum Glück immer noch die Ausnahme.“