• 4. July 2007
  • Ausgabe 27/2007
  • von Franz Alt

Gute Politik nur mit der Bergpredigt

Von Bismarck bis Helmut Schmidt und Helmut Kohl haben unsere „Realpolitiker“ die berühmte Frage: „Kann man mit der Bergpredigt regieren?“ mit „Nein“ beantwortet. Ich kenne in Deutschland nur zwei prominente Politiker, die bislang diese existenzielle Frage bejaht haben. Richard von Weizsäcker hat gesagt: „Ich kann mir humane Politik nur mit der Bergpredigt vorstellen.“

Und nun hat Reinhard Höppner als Kirchentagspräsident – aber auch schon früher als Ministerpräsident – an Jesu Zentralforderung „Liebet eure Feinde“ erinnert und konkret vorgeschlagen, auch mit den Taliban und anderen Terroristengruppen zu verhandeln. Die Aufregung war sofort wieder groß.

Die Reaktion auf Höppners Vorschlag überrascht nicht. Als Jesus vor 2000 Jahren seine Überzeugung vortrug, war die Aufregung und Empörung genauso groß. „Das Volk war außer sich“, heißt es am Schluss der Bergpredigt.

Ganz pragmatisch: Wie war denn die bisherige Politik ohne Bergpredigt? Konflikte und Machtfragen wurden oft mit Krieg und Massenmord „gelöst“. Die Geschichte ist seit 2000 Jahren bis zum heutigen Tag eine schreckliche Folge von Kriegen und Gewalt, von Rache und Verhöhnung statt Versöhnung. Auch die deutsch-französische Versöhnung erfolgte erst, nachdem Millionen Menschen wegen Dummheit und Verblendung ermordet worden waren. Erst danach wurde eine Politik der Bergpredigt möglich – mehr als 1900 Jahre nach dem wunderbaren Bergprediger mit seinem fundamental neuen Ansatz: Feindesliebe statt gegenseitiges Totschlagen.

George W. Bush beruft sich zwar auf Jesus, aber er hat ihn bis heute nicht verstanden. Ergebnis dieser Politik ohne Feindesliebe: Über 300 000 Tote im Irak.
Der Dalai Lama hat den US-Präsidenten am Abend des 11. September 2001 eine Alternative im Sinne der Bergpredigt vorgeschlagen: „Herr Präsident, auch Bin Laden ist unser Bruder. Verzichten Sie auf Rache.“ Bush hat nichts begriffen.
Sogar Saddam Hussein, weiß Gott kein Freund der Bergpredigt, hatte Bush damals Verhandlungen statt Krieg vorgeschlagen. Doch Bush wollte Krieg. Das Ergebnis ist eine weitere Katastrophe in der Menschheitsgeschichte.

Niemand kann garantieren, dass eine Politik der Feindesliebe „erfolgreicher“ im Sinne von weniger Toten ist. Aber es ist sehr wohl denkbar, dass eine kluge Verhandlungspolitik weit weniger Menschenleben im Irak, aber auch in Afghanistan gefordert hätte. Auch im Nahen Osten besteht die Möglichkeit, durch Gespräche mit Hamas und Hisbollah mehr Humanität zu erreichen als durch Gewalt.

Mit der Bergpredigt kann man nicht regieren? Wer es nicht einmal ausprobiert, kann es auch nicht erleben. Feindesliebe heißt nicht: Lass dir alles bieten. Feindesliebe heißt: Sei klüger als ein Feind. Das hat Jesus gemeint. So schaffen wir eine Kultur des Friedens. Die Geschichte beweist: Nur mit der Bergpredigt gibt es eine Befreiung zum Frieden. Nur mit Vertrauen in uns selbst, wie Jesus es vorschlägt, werden wir friedensfähig. Wir Christen sollten weniger bekennen, sondern mehr erkennen. Dann finden wir auch endlich die wirkliche Pädagogik des Friedens in der Bergpredigt.

Dr. Franz Alt studierte Politologie, Geschichte, Philosophie und Theologie. Bekannt wurde der Journalist und Buchautor als Leiter und Moderator des politischen Magazins „Report“