• 25. July 2007
  • Ausgabe 30/2007
  • von Thomas Klatt

Der Ursprung lag im Krieg

Nein, wir vermissen nichts, weder Fernsehen noch das Internet. Wir können herum rennen und baden, ohne dass jemand meckert“, erzählen die Jungen und Mädchen mit roten und gelben Halstüchern. Das Lager ist in zwei Gruppen aufgeteilt, frei nach Ronja Räubertochter durch einen symbolischen Höllenschlund getrennt. Die beiden Gruppen „kämpfen“ gegeneinander, klauen sich nachts die Fahnen oder die Zeltheringe, aber alles friedlich und aus Spaß.

Beim Geländelauf rund um das Lager sammeln beide Gruppen an mehreren Stationen Punkte: Rätsel lösen, neue Fahnen malen oder, ganz typisch für die Pfadfinder, Knoten binden. Am Ende kommt es zur symbolischen Versöhnung, dem gemeinsamen Brückenbau über den trennenden Graben.

Pfingstlager 2007 in Großzerlang nördlich von Rheinsberg. Sie heißen Wölflinge, Jungpfadfinder oder Rover, leben in Stämmen und Sippen. Der evangelische Verband christlicher Pfadfinder VCP hat hier sein zentrales Bundeslager, aber auch Gruppen anderer Verbände aus dem gesamten Bundesgebiet nutzen den Platz. Allein in Deutschland sind in den drei großen Pfadfinderverbänden, der katholischen Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg DPSG, dem evangelischen VCP und dem konfessionslosen Bund deutscher Pfadfinder BdP mehr als 200 000 Jugendliche organisiert.

Ob Tick, Trick und Track vom Fähnlein Fieselschweif, Queen Elizabeth, Bill Clinton oder Thomas Gottschalk, die scouts sind ein illustrer Haufen mit vielen Prominenten. Mit mehr als einer halben Milliarde aktiver und ehemaliger Mitglieder sind die Pfadfinder nach den Religionsgemeinschaften die größte Vereinigung der Welt. Über mangelnden Zuspruch können sich auch die deutschen Pfadfinder nicht beklagen.

„Man kann zu zehnt in der Jurte stehen und sie festhalten, das Wasser ausdrücken, wenn es rein läuft. Es ist eben anders, als das Hotel Mama. Es gibt Eltern, die glauben teilweise überhaupt nicht, dass ihr Kind sich selbstständig angezogen, geduscht und zwei Mal am Tag Zähne geputzt hat“, erklärt Lagerleiter Till Küken. Statt moderner Einzelzelte werden Gemeinschaftskoten und Jurten aus schwarzen Zeltplanen aufgebaut, Platz für etwa 20 Pfadfinder zugleich.

Auch wenn das Lagerleben gut durchorganisiert sein muss, von quasi militärischen Strukturen halten diese Pfadfinder nichts. Ihr Prinzip heißt Führen im Dialog. Es soll demokratisch im Miteinander entschieden werden, was passiert. Die Anfänge der Pfadfinderei sahen jedoch ganz anders aus.

Am 1. August 1907 baute der britische Lord Robert Baden-Powell zusammen mit 20 Jugendlichen das erste Zeltlager an der Südküste Englands auf und legte mit seinem Buch „Scouting For Boys“ die geistigen Grundlagen für die internationale Pfadfinderbewegung. Der Baden-Powell-Lehrsatz „Learning by doing“, eigentlich vom amerikanischen Pädagogen John Dewey übernommen, ist heute zum Allgemeingut geworden.

Die Lilie, Erkennungsmerkmal aller Pfadfinder weltweit, geht auf die Nadel am Kompass der britischen Offiziere zurück. Denn der Ursprung des scoutings liegt im Burenkrieg. General Baden-Powell nutzte die Begeisterungsfähigkeit, Wendigkeit und das Geschick der Heranwachsenden, um sie als Kundschafter und Boten in den eigenen britischen Linien einzusetzen. Der britische Militär setzte auf innere Disziplin und äußeren Gehorsam. Die genaue Beobachtung von Zeichen, Spuren und Vorgängen in der Umgebung und der Natur wurden zu Zielen der pfadfinderischen Erziehung.

„Das ist die alte Einordnungs-, Unterordnungs- und Gehorsamspädagogik. Baden Powell hielt das Militär für das einzig wahre Erziehungsmittel für eine entgleisende Jugend“, erklärt der Jugendforscher an der Freien Universität Berlin Richard Münchmeier.

Bis heute haftet den Pfadfindern von ihrem äußeren Habitus her etwas Paramilitärisches an. Wie vor 100 Jahren treten sie in Kluft und Uniform an, lernen das heimliche sich Zeichen geben, das Zurechtfinden in der Natur.

Im kaiserlichen Deutschland wurden die Ideen Baden Powells Anfang des 20. Jahrhunderts begeistert aufgenommen. Scheinbar mühelos verbanden sie sich mit dem deutschen Obrigkeitsdenken und Militarismus. 1911 entstand der Deutsche Pfadfinderverbund, die Kaiserdeutschen, die Kolonialpfadfinder. Nach britischem Vorbild waren die Führer meist ausgediente Lehrer oder Offiziere. Ziel war die Einübung militärischen Drills schon in der Jugendzeit.

Auch in der Weimarer Republik blieben weite Teile der deutschen Pfadfinderschaft national eingestellt. Sie lehnten das Aufziehen der neuen schwarz-rot-goldenen Reichsflagge in ihren Lagern ab. Es galt weiter das konservative Erziehungsmodell.

Das Pfadfindervorbild war leicht zu vereinnahmen. Schamlos kopierten die Nazis das gute Image für die eigene Staats-Hitlerjugend. Und allzu willig ließen sich die meisten Pfadfinder nach 1933 gleichschalten.

Auch die Kommunisten kopierten die Pfadfinderinsignien. Bis zur Wende 1990 blieben die eigenständigen, insbesondere konfessionell gebundenen Pfadfinderverbände im Ostblock verboten. Dafür wurde aus dem Allzeit- ein Immer Bereit. Aus Wölflingen wurden Thälmann-Pioniere der Freien Deutschen Jugend. Bis heute ist die zumindest äußerliche Verwechselbarkeit mit der ehemaligen FDJ ein Imageproblem für heutige Pfadfindergruppen in Ost-Deutschland.

Noch heute missbrauchen rechtsradikale oder neu-heidnische Strömungen das Pfadfinderimage für ihre Zwecke. Als Trittbrettfahrer-Organisation gelten etwa die „Katholischen Pfadfinder Europas“ (KPE), die dem fundamentalistischen Engelwerk nahe stehen. Dort herrscht Schamhaftigkeit, geschlechtliche Trennung, tägliches Rosenkranz-Beten und die strenge moralische Erziehung zur Keuschheit.

Auf die Bezeichnung „Pfadfinder“ gibt es eben kein Copyright. Die seriösen Verbände im deutschen Pfadfinderring versuchen sich gegen diese rechten Unterwanderungen abzugrenzen.

Die deutsche Jugendbewegung war von Anfang an aber nicht allein vom Nationalkonservativen mit Hang zum Militärischen geprägt. Parallel entwickelte sich eine freigeistige Gegenbewegung, ohne Sinn für Pickelhauben und Militärzelte.

Nach der Schmach des verlorenen Ersten Weltkrieges, in der allgemeinen gesellschaftlichen Verunsicherung der Weimarer Republik mochten viele Jung-Pfadfinder nicht mehr einfach nahtlos an die kaiserlichen Vorbilder anknüpfen. Die deutsche Pfadfinderbewegung glich, ganz anders als in anglo-amerikanischen Ländern, seit den 20er Jahren einem brodelnden Kessel mit mehr als 40 Verbänden, Neugründungen und Absplitterungen, Wandervogel und Bündische Jugend quer durch alle politischen und religiösen Lager.

Die jungen Leute trugen eine anti-bürgerliche Kluft, die sich am mittelalterlichen Landvolk orientierte. Um das Lagerfeuer wurden Gemeinschaftstänze nach der Musik des Zupfgeigenhansels getanzt. Im eigenen Lager galt die Eigenständigkeit der Ortsgruppe gegen jede Hierarchie und Bevormundung, es galt das Prinzip Jugend für Jugend, Schüler aller Stände gemeinsam, Mädchen und Jungen zusammen, freigeistige Naturromantik.

Bis heute stilprägend war die deutsche autonome jugend „dj. 1.11“ (Deutsche Jungenschaft vom 1.11.1929) um Eberhard Köbel ). Er machte die Nordland-Romantik populär, die später erst von den Nazis in der Hitlerjugend aufgegriffen wurde. Statt Militärzelten wurde das Lagern in Jurten und Lappland-Koten populär, wie sie heute in den meisten deutschen Pfadfindergruppen gebräuchlich sind.

Die katholischen Sturmscharen etwa ließen sich weder von der HJ noch von der eigenen Kurie vereinnahmen. Nicht wenige der katholischen Pfadfinderführer landeten später im KZ oder im Arbeitslager. Hier kam es dann auch zu Verbrüderungen und geheimen Zusammenschlüssen etwa mit französischen Pfadfindern. Heimlich trug man das Erkennungszeichen der Lilie. Auch andere Widerstandsgruppen waren bündisch geprägt.

„Bis zur Weißen Rose wurde Hans Scholl über eine dj. 1.11.-Gruppe sozialisiert. Die dort erlebte und ausprobierte Differenz zur HJ hat seine politische Erfahrung bestimmt. Das gilt auch für Willi Graf, das gilt auch für die Gruppe um Harro Schulze-Boysen, die Rote Kapelle, die Herbert-Baum-Gruppe in Berlin. Sie alle basieren auf selbständigen, letztlich bündischen Aktivitäten“, sagt der Essener Soziologe Wilfried Breyvogel, der viele Dokumente jener Zeit im Gestapo-Archiv gefunden hat.

Ganz bewusst hat sich der VCP-Stamm in Berlin-Mariendorf etwa den Namen „Weiße Rose“ gegeben. Die Widerständigkeit einiger weniger ist heute zum Vorbild vieler Pfadfinder-Gruppen geworden. Spätestens seit der 68er Bewegung haben die meisten Verbände ihren militärischen Gehorsams-Charakter aufgegeben. Obwohl der Schah selbst ein Scout war, protestierten auch deutsche Pfadfinder gegen das persische Regime. Später gingen sie gegen die Pershing-Raketen mit auf die Straße.

Heute zeichnen sich die Pfadfinder durch ein starkes soziales und ökologisches Engagement aus. Die Unesco verlieh der Weltpfadfinderbewegung daher auch 1981 ihren Preis für Friedenserziehung.

Sicherlich ist das Prinzip des Draußenseins nicht für jeden Jugendlichen attraktiv, aber für eine gewisse Schicht besonders aus dem bürgerlich-christlich geprägten Milieu schon. Nach wie vor sind Jugendliche aus Migrantenfamilien unterrepräsentiert. Muslimische Pfadfinder gibt es in Deutschland so gut wie nicht.

Doch sind Pfadfinder heute im Zeichen von mp3-playern und Internet-Bloggern überhaupt noch attraktiv? Angesichts konstanter Mitgliederzahlen offensichtlich schon. „Abenteuer! Das Jugendalter ist immer schon davon charakterisiert gewesen, dass man auszieht, dass man Grenzen zu erweitern versucht, das Reisen, das Wandern, das auf Pfad gehen ist ja nur eine Symbolik dafür, dass man die Enge des elterlichen Zuhause verlässt und auf der Suche nach Erweiterung ist“, erklärt Jugendforscher Münchmeier das Erfolgsrezept der Pfadfinder.