• 18. June 2008
  • Ausgabe 25/2008
  • von Christine Kükenshöner

Deutsches Blut in Kirchenbüchern

„Die Kirche dient der Sippe“ – mit diesem Slogan warb die Schleswig-Holsteinische Landeskirche 1938 für sich und ihre Dienste zur „Erforschung von Sippe und Familie“. Weiter heißt es in der als Massenzeitung verteilten Werbeschrift: „Millionen von Arierscheinen, die aus den alten Kirchenbüchern herausgezogen wurden, verbürgen die Reinheit der Abstammung und bieten Gewähr für die Durchsetzung der notwendigen bevölkerungspolitischen Aufgaben. Die Kirche hat in der Erkenntnis der großen Bedeutung dieser Dinge für das Volk und seine Zukunft sich freudig in den Dienst der Sache gestellt.“

Und was wäre passiert, wenn sich die Kirche nicht freudig in den Dienst der Sache gestellt hätte? „Dann wären die Nürnberger Gesetze von 1935 ein Flop geworden“, ist Historiker Dr. Stephan Linck überzeugt. Die Nürnberg Gesetze schafften die rechtliche Grundlage für die Verfolgung von „Juden, Halbjuden und Vierteljuden“, die Kirchen besorgten die Informationen, um die „Deutschblütigen“ von den „Fremdblütigen“ zu unterschieden. Das Wissen dazu fand sich in Kirchenbüchern.

Wie effektiv man im Raum der heutigen Nordelbischen Kirche in den Jahren von 1933 bis 1945 die Suche nach getauften Juden betrieben hat, beschreibt Stephan Linck in seinem jüngst veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel „‚… restlose Ausscheidung dieses Fremdkörpers’. Das schleswig-holsteinisches Kirchenbuchwesen und die ‚Judenfrage’“. Erforscht hat der Historiker eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte, vor dem man bislang in sämtlichen Landeskirchen in Deutschland beschämt und beschämend die Augen verschlossen hat.

Im April 1933 begann der Ansturm auf die Pfarrämter, da man von Beamten erstmals einen Ariernachweis einforderte. Als Arier sollte nur gelten, wer christlich getaufte Eltern und Großeltern besaß. Nächtelang haben Pastoren Kirchenbücher gewälzt, um die Anträge auf beglaubigte Kirchbuchauszüge abzuarbeiten, so die Darstellung vieler Berichte. Bald brauchten immer mehr Berufsgruppen den Nachweis ihrer „arischen“ Abstammung, ein Pastor klagte über „Schreckträume von Ariern und Kirchenbüchern mit schlechten Handschriften“.

Viel effizienter wurde die „Arier-Arbeit“, als die Schleswig-Holsteinische Kirche Mitte der 30er Jahre in fast allen Propsteien Kirchenbuchämter einrichtete. Insgesamt waren in den 17 Ämtern rund 150 Angestellte tätig, die täglich recherchierten, Abstammungsnachweise ausstellten und Register erstellten.

Aber beim dienstbeflissenen Erstellen von Abstammungsnachweisen in den
Propsteikirchenbuchämtern blieb es nicht. Bald ging man zur aktiven Suche und Denunziation von Christen jüdischer Herkunft über. Sieben Judentaufen aus den Jahren vor 1872 konnte das Flensburger Kirchenbuchamt nach gründlicher Recherche melden – in den Jahren danach hatte es keine mehr gegeben. 1940 legte der Kirchengemeindeverband Altona eine „Judenliste“ mit 474 Namen vor, die weiterhin ständig aktualisiert wurde. Über jede neu erfasste Judentaufe wurde die NSDAP unverzüglich in Kenntnis gesetzt. Auf Fortbildungen wurden die Kirchenbuchführer in der Rassenlehre geschult: „Die Erbtüchtigen von den Erbuntüchtigen zu sondern und zu unterschieden, ist die Sippenforschung berufen.“

Auf dem Gebiet der heutigen Nordelbischen Kirche wurden mithilfe der kircheneigenen Ahnenforschung 7731 Christinnen und Christen jüdischer Herkunft identifiziert, ausgesondert und getötet. Diese Form kirchlicher Juden- und Christenverfolgung wurde mehr als 50 Jahre lang von Seiten der Amtskirche ignoriert.

Dass das NS-Regime zur Durchführung seiner Rassenpolitik auf die Hilfe der Kirchen angewiesen war, das habe den Kirchenmännern geschmeichelt, ganz gleich, ob sie katholisch oder evangelisch waren, ob sie zu den Deutschen Christen gehörten oder sich zur Bekennenden Kirche zählten. Denn sie alle hätten Anteil an der Suche eines ganzen Volkes nach seinen Vorfahren. Daher spricht der Historiker Manfred Gailus von einer „nationalen Ahnenforschungsmanie“. Alle forschten, die NSDAP forschte und die SS forschte, die Kirche forschte, Berufs- und Hobbygenealogen forschten, Vereine zur Ahnenforschung sprossen aus dem Boden.

„Die Ahnenforschung ist eine deutsche Spezialität“, sagt daher auch Stephan Linck. „Dreiviertel aller Vereine in Deutschland, die sich heute der Genealogie und Familienforschung widmen, entstanden während des Dritten Reiches. Die wenigsten von ihnen setzen sich mit der eigenen Vereingeschichte kritisch auseinander.“

Der Aufsatz von Dr. Stephan Linck „‚… restlose Ausscheidung dieses Fremdkörpers’. Das schleswig-holsteinisches Kirchenbuchwesen und die ‚Judenfrage’“ ist im Sammelband „Kirchliche Amtshilfe. Die Kirche und die Judenverfolgung im ‚Dritten Reich’“ erschienen, hg. v. Manfred Gailus, Vandenhoeck & Ruprecht, 2008.