• 25. June 2008
  • Ausgabe 26/2008
  • von Klaas Hartmann

Leben nach dem Neuen Testament

Wulfshagenerhütten – Ein altes Gutshaus mit Neben- und Wohngebäuden sowie eine moderne Werkstatt – das ist das Domizil der Basisgemeinde Wulfshagenerhütten. Etwa 70 Menschen, 20 davon Kinder, leben gemeinsam auf dem Gelände. Alle Erwachsenen dieser christlichen Gemeinschaft arbeiten auch dort – entweder in der Werkstatt, in der gefragte pädagogische Bewegungsgeräte für Kindergärten und therapeutische Einrichtungen hergestellt werden, oder in der Kinderbetreuung, Hauswirtschaft und den Büros.

„Unsere Wurzeln liegen woanders“, sagt Gründungsmitglied Lore Weber: „Unser Anfang war geprägt von der 68er- und der Friedensbewegung.“ Keimzelle der Basisgemeinde war das schwäbische Kornwestheim. Dort war Webers Mann Gerhard Pastor in sehr von Arbeiterschaft bestimmten Stadtvierteln: Bundesbahn und Salamander lieferten dort Jobs. Anfang der 70er Jahre stieg der Grad der Automatisierung in den Betrieben. Arbeitslosigkeit war die Folge. Gerhard Weber bekam mit, was dies für seine Gemeindeglieder bedeutete. Gleichzeitig trafen sich die Webers mit Menschen völlig verschiedener Herkunft, um über existentielle Fragen zu diskutieren: Wohin geht die Welt? Was ist gerecht?

„Glaube und Politik waren nicht zu trennen“, sagt Lore Weber heute. Ihr Mann machte dies durch seine Tätigkeit als Stadtrat in Kornwestheim deutlich. „Es wurde klar, dass Veränderungen beim Einzelnen beginnen muss“, so Weber.

1973 wurde die Basisgemeinde in Kornwestheim gegründet. Vorbilder waren und sind die christlichen Urgemeinden wie auch die Basisgemeinden in Lateinamerika. Die Mitglieder, darunter einige Arbeitslose, lebten sieben Jahre in Wohngemeinschaften. Aber es reichte nicht aus, Wohnraum und Kühlschrank zu teilen. „Arbeit gehört zur Würde des Menschen“, sagt Lore Weber. Also überlegte die Gemeinde, wie dies zu realisieren ist. Häuser im ganzen Bundesgebiet wurden besichtigt, bis die Entscheidung für Wulfshagenerhütten fiel.

Im Januar 1983 zogen 17 Erwachsene und acht Kinder um. Mit Umzugs- und Erntehilfe machte sich die Gemeinde in der Region bekannt. Später wurde die Werkstatt für Holzbewegungsgerät aufgebaut. 1985 traten die Mitglieder aus den etablierten Kirchen aus. „Unser Verhältnis zur Kirche ist gut“, sagt Lore Weber. Aber es gebe keine Abhängigkeit. Die Menschen in der Gemeinde praktizieren einen einfachen Lebensstil. Alle teilen sich zum Beispiel zwei Autos. „Ein Einzelner könnte so nicht wirtschaften“, sagt Tanja Gwyther. Erst das Teilen in der Gemeinschaft mache das möglich. Konsum sei nicht wichtig; das wöchentliche Kulturprogramm wird in Eigenregie gestaltet.

Die entscheidende Rolle im Alltag der Basisgemeinde spielt der christliche Glaube: Morgengebet, Mittagsgebet und sonntäglicher Gottesdienst werden selbst gestaltet. Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Bewahrung der Schöpfung sind grundlegende Anliegen. Die Gemeinde bezieht alternative Energie, kauft Bio-Produkte und ist mit ihrer Werkstatt in einen Öko-Produktionsring der Region aufgenommen worden. Handlungsweisungen zieht die Basisgemeinde aus dem Neuen Testament: „Dort steht eigentlich alles drin“, erklärt Weber. Neben den Gemeindegliedern leben auch Menschen auf Zeit in Wulfshagenerhütten, die sich orientieren wollen oder Hilfe brauchen. „Es sind auch immer mehr junge Leute dabei, die gerade ihre Schule abgeschlossen haben“, erzählt Tanja Gwyther.

Nachdem sich die Gemeinde etabliert hat, bleibt die Frage nach der Zukunft: „Das Ers-­­te ist für uns der Auftrag, alles zu teilen“, sagt Lore Weber. Die Hoffnung habe die Gemeinschaft getragen – auch in der Offenheit, sich den aktuellen gesellschaftspolitischen Herausforderungen zu stellen. „Wir hoffen, durch das Prinzip der gemeinschaftlichen Entscheidungen auf dem begonnenen Weg zu bleiben“, betont Gwyther. Die Basisgemeinde versuche das, was sie im Glauben erkennt, im Leben auch umzusetzen, so Weber: „Wir glauben uns von Gott zu diesem Leben in der Nachfolge berufen und dass er uns auch zukünftig führt und begleitet.“